Bodor Ferenc: Die Pressos der Stadt - Unser Budapest (Budapest, 1992)

Gyöngyszem (perle) Womöglich hat dieses Presso das traurigste Schicksal von allen in der Stadt. Es könnte eine allbekannte Stätte, ein gastronomischer Wallfahrtsort, ein Touristenparadies sein. Statt dessen bietet es zwischen der Großen Markthalle und der Lónyay Straße Imbißwaren an. »Machen’S, mein Sohn, zwei Salatteller!« würde Frau Feinhuber in entsprechend Pe­ster Art sagen. «Hab’ nämlich B’such. Ach ja, es sollt’ g’fälligst viel Mayonaise beig'mischt sein, bin gleich zurück, he!« Versuchen wir nun die Hürden zu nehmen, den seltsamen Haufen beinahe stammesartig beisammen hockender Gäste rasch zu durchqueren, den Regenbogen von Gestank um die Toilette gestreckten Hauptes und so schnell wie möglich links liegen bzw. schweben zu lassen, um schließlich an der Korri­dortüre in den abendteuerlichsten, geheimnisumwobenen und verlassenen Garten von Pest zu schauen. Zwischen efeu­bewachsenen Gemäuern schwebt die majestätische Stille Schatten werfender Bäume. Fäulnis, üppiges Wuchern und Verwesung. Obwohl hier auch Idylle herrschen könnte, mit netten, zwitschernden Kellnerinnen, an den Tischen disku­tierenden Archivaren, pensionierten Juraprofessoren. Und hinten, vom Paravent vehüllt, säßen Liebespaare Hand in Hand. In der Ecke würde ein unternehmungsslustiges Mäd­chen türkischen Lastfahrern Bauchtanz präsentieren. Vom Gang des ersten Stockes zischelt ein Papagei herab. Aber das Büffet bricht ja fast auseinander, und auch das Presso ist verlassen. »Der Gart’n lohnt sich nicht«, sagt der nicht gerade berufsbegeisterte Kellner unwirsch. So liegt der geheimgehal­tene, nur von wenigen gekannte Erquickungsort als Opfer der armseligen, zerstörten Budapester Gastronomie weiterhin brach. Als wir zum Ausgang auf die Vámház körút hinaustre­ten, ist Frau Feinhuber mit ihren Teilern längst verschwunden. IX., VÁMHÁZ KÖRÚT 15. 38

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