Szegő Dóra - Szegő György: Synagogen - Unser Budapest (Budapest, 2004)

der Dohány utca. Das Grundstück befand sich im Besitz der Pester Autonomen Israelitischen Gemeinde. Die streng traditionelle Budapester orthodoxe jüdische Gemeinde wollte selber auch eine Synagoge bauen, welche der neologen Synagoge in der Dohány utca und der „Status quo ante" Synagoge in der Rumbach utca archi­tektonisch und als Prachtbau gleichwertig sein sollte. Die Architekten übertrafen dieses Ziel, ihr Werk ist einzigartig. Das Preisausschreiben des Jahres 1909 sprach von einem mehrfunktionellen Gebäudekomplex: neben der Synagoge wollte man hier auch ein Verwaltungsgebäude, einen Kindergarten, eine Schule und eine Volksküche bauen. Dies Ausschreiben zu Ende des Aufschwungsjahrzehnts weist dem Bau gleichzeitig eine epochenbeschließende und - eröffnende Rolle zu. Es heißt, daß das 19. Jahrhundert mit dem letzten Friedensjahr zu Ende ging. In der Budapester Architektur könnte man eher sagen, daß damit das 20. Jahrhundert beginne - mit den modernen Bauten jener Zeit von Béla Lajta, den Gebrüdern Vágó und Löffler. Eine Jury, bestehend aus Leitern der jüdischen Gemeinde und Architekten beur­teilte die Arbeiten. Den ersten Preis erhielten József Porgesz und Sándor Skutetzky. Trotzdem entschieden sich die Bauherrn für die Arbeit von Béla Löffler (er hatte früher neben Frigyes Spiegel und Béla Lajta gearbeitet) und Samu Sándor Löffler. Zuerst wurde das Verwaltungsgebäude im Inneren des Grundstücks fertig. Das Ge­samtbild des Gebäudes wurd durch den Block des Stiegenhauses und die von Miksa Róth gemalten Glasfenster bestimmt. Beim nächsten Bauabschnitt (1913) wurde aus der Not eine Tugend gemacht, indem in der engen Umgebung eine orientalische mittelalterliche Stimmung in die Kazin­czy utca gezaubert wurde. Die Synagoge hat wenig Platz, die Häuser der gegenüber­liegenden Seite sind nur einige Meter entfernt, man hat keinen Ausblick auf das großangelegte, monumentale Gebäude. Deshalb haben die Architekten einzelne Gebäudeteile terrassenartig zwischen der Ebene des Hauptgebäudes und der Straße angelegt. Der Grundriß wurde auf zwei Achsen konzipiert: mit dem linken, hervor­springenden Block dreht sich das Gebäude auch zur Wesselényi und zur Dohány utca hin, fast die Illusion erweckend, es wolle den Weg versperren. So wirkt die Synagoge, trotz der gegebenen Umstände, auch in ihren Maßen monumental. Der an eine archaische, organisch gewachsene Stadt erinnernde Baublock drückt so mit Mit­teln der Urbanistik die orthodoxe Anschauung der Auftraggeber aus. Der bis zur Grund­stückgrenze gehende Ausbau ist gleichzeitig auch funktionell, das Pylonenpaar, wel­ches das Tor einfaßt verdeckt die Treppen der Frauenempore. Dieser architektoni­sche Gedanke erscheint auch am einstigen Mietshaus Lajtas in der Népszínház utca 19. Die damals neuartige Bescheidenheit der Fassade der Synagoge, die maßvoll ange­wendete Dekorationskunst widerspiegeln die „modernen" orientalisierenden Cha­rakteristiken der Sezession im Lechner'schen Sinn. Historiker und Architekten, welche 62

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