Szatmári Gizella: Zeichen der Erinnerung - Unser Budapest (Budapest, 2005)
Dreißig Jahre lang spielte sie Goneril in König Lear, mit József Szigeti, ln jede Rolle versetztze sie sich mit ihrem ganzen Wesen, und um richtig Freude daran zu haben, konnte sie stets das ganze Stück auswendig, nicht nur ihre eigene Rolle. ln der manchmal erbarmungslosen Kritik einzelner schauspielerischer Gestaltungen kam die Hochachtung vor dem Verfasser des Stückes zum Ausdruck. Sie durfte kritisieren, weil „sie sich selbst am erbarmungslosesten kritisierte" — meinte Ede Szigligeti. Mit der eines Dramaturgen würdigen Sachkenntnis analysierte sie in ihren Studien die Gestalten der Lady Macbeth, der Cleopatra, oder den Aufbau und die Charakterdarstellung im Sommemachtótraum. Oft entwarf sie ihre Kostüme selber, zu den Kostümen für die Tragödie de& Men&chen gab ihr der ihr nahestehende Árpád Feszty Ideen. (Feszty malte auch zwei Portraits der Künstlerin, leider wissen wir jedoch nichts Weiteres über diese). Auch im Vortragen von Gedichten zeichnete sie sich aus, sie veranstaltete oft selbständige Abende, zu verschiedenen Wohltätigkeitszwecken. Sie war eine große Verehrerin Petöfis, über den sie Folgendes schrieb: „Man kann ihn nicht einfach genug - nicht vortragen! - sprechen", und mit dieser recht modernen Auffassung war sie ihrer Zeit und ihren Zeitgenossen voraus. An jedem Sylvester suchte sie das Geburtshaus des Dichters in Kiskőrös auf, um hier an ihn zu erinnern und seine Gestalt durch seine Verse heraufzubeschwören. Sie reiste gerne, war öfters in Italien, einmal sogar in Gesellschaft des Bildhauers Alajos Strobl, dessen Schwester Zsófia und seiner Schüler, die zu Fuß von Rimini über die Appeninen nach Florenz gehen wollten. (Das soll angeblich nur dem sportlichen Bildhauer gelungen sein, die anderen mußten einen Karren mieten...) Stróbl hatte übrigens auf Bestellung Zsigmond Jusths die Schauspielerin in der Rolle der Medea verewigt - in Wirklichkieit formte er eine Medea, welche die Züge Mari Jászais trug. Die Requisitenlade, die originalen Kostüme, die verschiedenen persönlichen Dinge Jászais, die von ihr selbst entworfenen Möbel befinden sich heute im Schauspielmuseum, das nach der Schauspielerin Gizi Bajor benannt wurde. Ihre Portraitrelief-Gedenktafel schmückt das 1948 eröffnete Schauspielerheim in der Magyar utca 34 im V. Bezirk (ein Werk von Zoltán Borbereki Kovács). 66