Radek Tünde - Szilágyi-Kósa Anikó (szerk.): Wandel durch Migration - A Veszprém Megyei Levéltár kiadványai 39. (Veszprém, 2016)
1. Landschafts- und Gemeinschaftswandel als Folge von Migration - Prosser-Schell, Michael: Aufzeichnungen sagenhafter Erzählstücke durch Jenő Bonomi und Anna Loschdorfer im IVDE Freiburg. Minderheitenvolkskunde der Deutschen in Ungarn in der Zwischenkriegszeit
Prosser-Schell, Michael: Aufzeichnungen sagenhafter Erzählstücke 97 allen Einflüssen, gewissermaßen als Erb-Anlage der nordisch-germanischen Ethnie fortlebe.1' Politisch betrachtet und den Umstand eingerechnet, dass ein deutscher Nationalstaat außerhalb des Staates Ungarn bestand (nämlich das damalige Deutsche Reich, nach Gerhard Seewanns Formulierung der „Patronagestaat“) war dann, wenn es um Loyalitäten ging, die Frage im Raum, welcher Zugehörigkeit bei den Minderheitsangehörigen gegebenenfalls die erste Priorität habe? Auch im akademischen Diskurs von Philologie und Geschichtswissenschaft war den beteiligten Geisteswissenschaftlem/-innen diese Frage bewusst; man denke etwa an das Zitat des Flistorikers und Mediävisten Elemér Moór (1936) aus der Rezension von Walter Kuhns „Deutscher Sprachinselforschung“, das die Plistorikerin Márta Fata an einschlägiger Stelle hervorgehoben hat: „Unter ungarischer Nation verstehen wir Ungarn jene Schicksalsgemeinschaft, deren Zusammenfassung der Staat Ungarn und deren Symbol die hl. Stephanskrone ist. Die ungarische öffentliche Meinung würde also jene Deutschen, die sich zur deutschen Nation bekennen wollen, so halb und halb für Vaterlandsverräter ansehen, eben weil für unser Empfinden und Wissen Staat und Nation unzertrennbare Begriffe sind.“ (Fata 2004: 117) Es ist hier allerdings hinzuzufügen, dass Moors wissenschaftliche Besprechung der Kuhn-Dissertation insgesamt gesehen durchaus positiv ausgefallen ist, eben keineswegs negativ. Und auch Anna Loschdorfer hat diese Dissertation damals in ihrer Grundsatzschrift als wissenschaftlich produktiv, weiterführend und als anregend erwähnt (Loschdorfer 1935/36: 5-7) Die übergreifende Frage und ihre Ambivalenz laufen also darauf hinaus, dass und wie diese Sprachinsel-Forschung entweder (1) im Dienste der ungarischen Integration, eines sich kräftigenden, weil facettenreichen Zusammenhalts des ungarischen Staates stehen konnte oder ob sie (2) vor allem und andererseits auf die Förderung und Bestätigung einer alldeutsch-gemeinsamen Kultur, und folgend eben auf einen nichtungarischen Loyalitätsvorzug abzielte. Je nach Sammlungsfokus, Auswertungsrichtung und Erkenntnisabsicht konnte hier tatsächlich ein Loyalitätsproblem berührt und (später, nach 1938) sehr virulent werden. 17 17 Diese mündliche, als nur über Menschen weitergetragen gedachte Kultur konnte seinerzeit auch als gleichsam genetische Disposition gedacht werden (gerade deshalb, weil sie an den Leib gebunden ist, über den Leib nicht nur ausgedrückt mit der Stimme, sondern allein über den Leib aufbewahrt ist mit dem menschlichen Gedächtnis). Plierzu vgl. den zeitgenössischen Beitrag von Karasek-Langer, zum Motiv des „Wilden Jä- gers“/der „Wilden Jagd“ (Karasek-Langer 1930: 102—104).