Internationales Kulturhistorisches Symposion Mogersdorf 2007 in Kőszeg 3. bis 6. Juli 2007 (Szombathely, 2014)
Andrej Pančur: Eliten des Wirtschaftslebens im slowenischen Raum
In der Phase der Industrialisierung und Modernisierung war das so genannte Besitzbürgertum zweifellos die breiteste gesellschaftliche Gruppe aus der sich die Wirtschaftselite rekrutierte. Doch in slowenischen Ländern war das Bürgertum relativ schwach ausgeprägt, da diese Länder während Zeit der Habsburgermonarchie überwiegend bäuerlich geprägt waren. Im Jahr 1857 betrug der Anteil bäuerlicher Bevölkerung sogar ganze 83% und im Jahr 1910 noch immer 67%.21 Auch der Anteil der Stadtbevölkerung war relativ gering und sie lebte auch primär in kleineren Städten.22 Schon wegen der relativ ausgedehnten bäuerlichen Bevölkerung waren in dieser Zeit die Slowenen vorwiegend „ein Volk von Bauern“. Für den jungen (neu)slowenischen Juristen, Politiker und Schriftsteller Ivan Tavcar (1851-1923) war im Jahr 1881 vollkommen klar: »Der bäuerliche Stand ist das Fundament unseres nationalen Lebens.«23 Der Leitartikler der Zeitschrift des sbwenischen kaufmännischen Vereins Merkur beklagte sich schon im Jahr 1901 darüber, dass sehr viele Slowenen behaupten: »Unser Bauer ist unsere Stütze«. Es ist bezeichnend, dass er selber dem nicht widersprach, sondern dafür eintrat, dass die bäuerliche Bevölkerung »nicht unsere einzige Stütze sein darf«, den Slowenen brauchen genauso nationale Händler.24 Die slowenische Nationalelite, die sich theoretisch oder sogar praktisch mit wirtschaftlichen und auch sozialen Problemen der slowenischen Nation beschäftigte, widmete den Schwerpunkt ihrer Aufmerksamkeit exakt den Problemen des bäuerlichen Standes. Die Mehrheit der slowenischen Nationalelite beharrte so noch bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts auf dem Standpunkt, dass eine modernisierte Landwirtschaft die Grundlage der slowenischen Wirtschaft ist.25 In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war also in slowenischen Ländern das Bürgertum (noch immer) eine relativ schwache gesellschaftliche Schicht, für dessen wirtschaftliche Lage die slowenische Nationalelite kein größeres Interesse zeigte, obwohl sie mehrheitlich Teil dieser Schicht war. Doch dies war nicht so verwunderlich, denn die slowenische Nationalelite bestand überwiegend aus Vertreter des so genannten Bildungsbürgertums.26 Nur wenige von ihnen verdienten sich ihren Lebensunterhalt primär als Gewerbetreibender, Händler, Fabrikant oder Bankier. Ein solcher war z.B. der Ljubljaner/Laibacher Händler Valentin Su- pan (1822-1877), der als Präsident der slowenischen nationalen Partei zwischen 1867 und 1874 Vorsitzende der krainischen Handels- und Gewerbekammer war.27 Doch trotz seiner bedeutenden Stellung war Supan in der Öffentlichkeit eher bekannt als Verfechter des »Schutzes der einheimischen Arbeit« (sowohl der slowenischen als auch der deutschen)28 den als Vertreter einer engeren slowenischen Führungselite. Andererseits setzte sich nach dem Tod von Supan als einer der führenden slowenischen liberalen Politiker Ivan Hribar (1851-1941) durch. Er hatte sich seit 1876 beruflich erfolgreich als Generalvertreter der tschechischen Versicherung Slavija in Ljubljana etabliert hatte und war ab 1900 auch Präsident der Laibacher Kreditbank (Ljubljanska kreditna banka). Jedoch war Hribar immer 60