Ferenc József: Kleiner Unitarier-Spiegel. Kurzer inbegriff der geschichte, der dogmen, der kirchenverfassung und der ceremonien der unitarier-kirche (Bécs, 1879)
II. Dogmatik
Dogmatik. 43 ist das Evangelium und die heilige Schrift überhaupt ; — diese ist ein aus den edelsten Motiven — sohin aus göttlicher Inspiration , jedoch von Menschen, geschriebenes Buch; — da das Seelenheil nicht in dessen Buchstaben, sondern in dessen Geiste nur aufgefunden werden kann. Die Menschen können — wie betreff jeder anderen Sache, so auch bezüglich der in der heiligen Schrift enthaltenen Lehren verschiedener Auffaszung sein und vermögen jene Kraft des ihnen gegebenen Prüfungsrechtes verschiedentlich deuten ; — sie dürfen demnach verschiedene Religionsgenossenschaften bilden—und bilden auch thatsächlich. Diesz zieht indesz keine Spaltung der christlichen Kirche nach sich, wenn des Evangeliums höchstes Gesetz — die Liebe— bezüglich deren Jesus der Herr selbst sagt: „Daran werden die Menschen Euch er kennen, dasz Ihr meine Schüler seid, wenn Ihr Euch gegenseitig liebet“ — von Jedermann gleiehmäszig in Ehren gehalten wird.— Die Übung der Liebe selbst ist die christliche Religion; — das Allgemeinmachen derselben ist das sicherste Pfand für das Kommen des Gottesreiches. 6 .) Die christliche Kirche vermag—obshon sie ein Seelen- Verein ist — alle äuszeren Förmlichkeiten, welche in dieser Welt an das Leben geknüpft sind, nicht völlig entbehren. Die Unitarier glauben auch, dasz in der christlichen Kirche selbst äuszere — die Frömmigkeit nährende und hebende Ceremonien nothwendig sind ; — sic drücken ihr religiöses Gefühl auch in Ceremonien aus, — messen aber denselben an sich keine Wichtigkeit bei, — wenn der beledende Geist, das edle Streben, der echte Eifer, jenes — in den guten Thaten immer und überall sich offenbarende fromme und gottgefällige Leben nicht vorhanden ist. — Hierauf zielen ja des Apostels Worte: „Der Glaube ohne guten Thaten ist t o d t“. Wir sind der Meinung, dasz die Zahl der Ceremonien ohne Grund nicht vermehret werden sollen ; — weil es sonst leicht geschehen kann, dasz sie des Menschen gesammte Aufmerksammkeit in Anspruch nehmen, — wo doch diese bei allen Ceremonien stets auf höhere und heiligere Sachen gerichtet sein musz. — Insbesondere die Taufe und das