The Hungarian Student, 1958 (3. évfolyam, 1-2. szám)
1958-10-01 / 1. szám
bens. Nichts Außergewöhnliches passiert, und vielleicht ist es gerade das, was den Leser überrascht. Er wird sich darüber wundern, was im «Alltags»-Ungarn alles geschehen ist — über Dinge also, die gar nicht mehr als seltsam gelten können. Das Buch beginnt mit einer Kurzgeschichte von Tibor Déry, einem hervorragenden Schriftstellerveteranen der ungarischen kommunistischen Partei, der zweimal im Gefängnis gewesen ist; während des Zweiten Weltkrieges wurde er dafür, daß er Gides «Retour de l’USSR» übersetzt hatte, zu drei Monaten verurteilt und 1957 für die Veröffentlichung von Arbeiten in Zeitschriften, die unter strenger Zensur des Staates und der Partei standen, zu sieben Jahren. Das Buch schließt auch mit einer seiner vielzitierten Kurzgeschichten. In der ersten Geschichte kehrt ein politischer Häftling, der sieben Jahre, wovon anderthalb in Erwartung seiner Hinrichtung in der Todeszelle, im Gefängnis saß, nach Hause zurück, zündet eine Zigarette an, verzehrt eine Mahlzeit, nimmt ein Bad und hat Angst, daß er nicht mehr imstande sein wird, mit seiner Frau zusammenzuleben, und erkennt seinen Sohn nicht, der gewachsen ist, seitdem er ihm zum letztenmal gesehen hat. In der anderen Kurzgeschichte beschreibt er Menschen, wie sie ins Gefängnis geführt werden, weil sie zum Diebstahl gezwungen waren, um ihren dürftigen Verdienst aufzubessern. Diese Ereignisse zwingen auch den alten treuen Anhänger des Systems dazu, einzusehen, daß etwas nicht stimmt. All das natürlich spielt sich im Rahmen des Alltagsgeschehens ab. Der Held der Geschichte leidet unter zunehmend schweren Migränen, bis er schließlich realisiert, daß sich sein Gewissen dagegen sträubt, ältere Familienväter zum Selbstmord zu treiben, auch wenn ihr Tod dem rascheren und sichereren Aufbau des Sozialismus dient. Déry trat der Partei im Jahre 1919 bei, zu einer Zeit, als sie noch nicht einer Finanzgesellschaft glich. Er blieb ihren Grundsätzen immer treu. Sein Schicksal gleicht demjenigen von Djilas - mit dem Unterschied, daß er es unter schwierigeren Umständen auf sich nahm. Beides sind einfache Alltagsgeschichten, und der Autor erzählt sie ohne jede Prätention. Dieser nüchterne, aber keineswegs zynische Stil betont die Alltäglichkeit der Tatsache, daß Leute ohne wirklichen Grund während sieben Jahren im Gefängnis bleiben müssen. Es liegt nichts Exotisches darin, daß ein Mann, der mit der Familie seiner Braut friedlich Kaffee trinkt, für einen Moment hinaus- 29 gerufen wird und für fünf Jahre verschwindet. Es sind diejenigen,