Szemészet, 1910 (47. évfolyam, 1-4. szám)
1910-05-08 / 1. szám
130 den Tarsus (Hotz) beseitigen wollen, konnten in diesem Falle nicht benützt werden. Man konnte nur auf eine Einpflanzung von Haut oder Schleimhaut in den intermarginalem Saum denken. Aber dadurch hätte man den Weichteilen des Lides noch immer keine Stütze gegeben. Durch diese Erwägung beschloss ich, dass ich durch Einlegen eines entsprechenden Stückes des Ohrknorpels einen Ersatz für den Tarsus zu geben versuchen werde. Bei plastischen Operationen sind ja derlei Einpflanzungen bekannt (Tarsoplastik nach Büdinger). Die Operation wurde folgendermassen ausgeführt. Nach lokaler Anästhesierung und Einlegen der Lidplatte machte ich den Intermarginalschnitt. Derselbe verlief hinter den Zilien und teilte das Lid in seine zwei Blätter. Das Auseinanderlösen der Lidblätter erfolgte mit dem bauchigem Messer fast bis zur Augenbraue. In das hintere Lidblatt wurden nun drei doppelt armierte Fäden eingezogen, und zwar 3—4 mm über dem Lidrande. Die Fäden drangen nicht durch die Bindehaut hindurch, so dass ein Berühren der Fadenschlingen mit der Hornhaut nicht zustande kommen konnte. Sodann wurde an der Hinterfläche der Ohrmuschel ein entsprechend langer Längsschnitt gemacht, die Haut von dem Knorpel losgelöst, und diesem, durch seine ganze Dicke (aber mit Verschonung der vorderen Hautfläche) ein dem oberen Tarsus in Grösse und Form entsprechendes Stück entnommen. Das Knorpelstück wurde dann in richtige Lage zwischen den beiden Lidschichten geschoben, und die in das hintere Lidblatt eingelegten Fäden durch das vordere Lidblatt geführt und über Glasperlen geknüpft. Zum Schlüsse wurde die Ohrwunde durch fünf Nähte vereinigt. Das Durchstechen der Nadeln durch die vordere Lidschichte erfolgte in der Nähe des Lidrandes. Da die Fäden in dem hinteren Lidblatte — wie erwähnt — 3—4 mm über den Lidrand eingelegt worden, erfolgte also nach Knüpfen der Fäden eine Verschiebung der vorderen Lidschicht nach oben. Das hintere Lidblatt blieb demnach etwa in einem 2 mm breiten Streifen unbedeckt. Auf diesen Streifen hätte man einen nach Thiersch entnommenen Hautstreifen oder ein entsprechendes Schleimhautstück aufpflanzen können, doch bot diese Schicht wegen Mangel von festem Tarsusgewebe keine gute Unterlage für eine Transplantation. Übrigens war hier keine solche Art der Heilung zu erwarten, wie z. B. nach einer .Taesche-Aritschen Operation, wo die sich bildende Interkalarschicht nur einen unvollkommenen Schutz gegen das Zurücksinken des Haarbodens bietet. Vielmehr konnte man voraussetzen, dass die ganz weiche hintere Lidschicht durch die Vernarbung nach vorne gebogen und dadurch einen neuen Lidsaum abgeben wird. Diese Erwartung traf auch ein, denn in den folgenden Tagen schrumpfte das unbedeckte hintere Lidblatt und krümmte sich etwas nach vorne, gerade genügend um das Berühren der Zilien mit dem Augapfel zu verhüten. Die Heilung ging überhaupt ganz glatt vor sich. Die Fäden wurden am 10. Tag entfernt. Das Knorpelstück heilte reaktionslos ein. Um den Heilungsvorgang besser beobachten zu können, hielten wir den Knaben vier Wochen hindurch im Spital. Bei der Entlassung waren die Beizerscheinungen vollkommen geschwunden, die Lidbewegung normal. Die Wimperhaare standen nach vorne, und es war keine Berührung mit