Die Erste internationale Jagd-Ausstellung Wien, 1910. Wien-Leipzig, 1912 / Sz.Zs. 424
II. TEIL. Die Ausstellung und das Jagdwesen - III. ABSCHNITT. Die Jagd in ihren Beziehungen zu Handel und Verkehr, zu Industrie, Kunst und Gewerbe
Die Kun it und das Kun ítgewerbe. Für den bildenden Künftler war es aber befonders das deutfcbe Tierepos, welches Anregung gab, wie ja in der mittelalterlichen Kunft die Tiergeftalten überhaupt ein wichtiges Element ihrer Symbolik ausmachten. — Die für die damalige Zeit als wichtige wiffenfcbaftliche Kompendien geltenden »Beftiarien« mögen wohl auch fo manchem Künftler paffende Vorwürfe geliefert haben! Auch am Ausgange des Mittelalters ftand es mit unterer Sache nicht viel beffer; nicht mehr in lebenswahren Bildern und Epifoden wurde gemalt und gedichtet ; es trat eine gefucbte Form auf, die einer freien Darftellungsweife wenig Raum ließ. Wild und Hund finden zwar auch jetjt noch bie und da Verwendung, doch find zufammenbängende jagdliche Vorführungen in der bildenden Kunft etwas äußerft feltenes; die Verberrlicbung des Gejaides im Bilde gehört zu den befonderen Raritäten! Als aber dann ein neuer Geift — der Realismus — in die Welt kam, Eroberungszug auf allen Gebieten •mrwamm des Wiffens antrat, da brachte er auch eine völlige Umgeftaltung der künftlerifcben Auffaffung zuftande; ein ganz neuer Stil wurde herbeigeführt und auch bei den bildenden Künften eröffnete fich für die Darftellung der Jagd ein voll-ftändig neues Feld der Tätigkeit. Jctjt machte ficb das Studium der Natur fühlbar; die Künftler begannen die ganze Schönheit der Natur frei ins Auge zu faffen und verfucbten, ihren Geftalten eine Macht der Wirklichkeit zu verleiben, an welche das Mittelalter nicht zu denken gewagt hätte. Jedes Individuum wurde dem Künftler zum Gegenftande ernfter, liebevoller Geftaltung. Die Kunftwerke wurden gefcbaffen um einem mächtigen Seelentriebe, der Darftellungsluft an allem Schönen und Bedeutenden, Genüge zu leiften. Hauptfächlicb die Malerei war es, welche ficb jetjt -wenigftens zeitweilig — in den Dienft der Jagd ftellte, die Malerei in all ihren Arten, fo das Fresko, das die alte Temperamalerei zu verdrängen fucbte, dann die aus Flandern ftammende Ölmalerei, aber auch die verwandten neuen Errungenfcbaften, der Kupferfticb und der Holzfchnitt. Johann Canon: »Der Rüdenmeifter.« Kunftpavillon, Retrofpektive Abteilung. fein Banner entfaltete und den Ganz befonders war dies wieder in Deutfcbland der Fall. Der Darftellung kirchlicher und religiöferMotive war dieHiftorienmaierei gefolgt, dann waren das Genre und die Landfchafterei gekommen, die immer weitere Kreife in ihren Bereich zogen, und fo hatte fcbließlicb auch die Jagd ihr altes Recht, Anregung zu geben, gefunden. Immerbin häufen ficb nicht gleich die Fälle febr, in denen jagdliche Sujets zur Darftellung gelangen, nur langfam macht fich die Vorliebe bierfür geltend. In Italien beginnt Mantegna damit, eine Jagdfzene in einer poetifcb pbantaftifcben Gebirgslandfcbaft vor Augen zu führen, auch die großen italienifcben Meifter des XVI. Jahrhunderts ver= fuchen ficb in Dianabildern. Die Plaftik nimmt, wenn auch anfangs fpärlicb, jetjt auch jagdliche Motive mit als Modelle. Allen voran aber find es die Franzofen, welche diefe Bahn betreten! Der Haupt* meifter der »Schule von Fon= tainebleau« — Jean Gonjon — trat mit feiner Diana von Poitiers als Erfter auf den Plan und zu ihm gefeilte ficb fo mancher bil= dende Künftler als es galt, der Jagd ein Denkmal zu fetjen. Auch in Deutfcbland findet man zur Zeit des Höbepunktes der deutfcben Malerei — in den Tagen Dürers und Holbeins — verfcbiedene Anklänge an jagdliche Motive in der Darftellung der Kunftwerke. Befonders die »Kleinmeifter«, die aus der Schule Dürers hervorgegangenen Kupferftecber, haben bierin Hervorragendes geleiftet. Der Hang zur Pbantaftik, der ja fo tief im deutfcben Gemüte fteckt, ließ damals gerade auf diefem Gebiete manch herrliches Werk erfteben! Im XVII. und XVIII. Jahrhundert gebt die nun langfam ficb durchgerungene Vorliebe für das Weidwerk in der künftlerifcben Wiedergabe wieder zurück und erft als der Naturalismus ficb kräftig Bahn brach und mit ihm das Streben die Natur felbft zur Darftellung zu bringen ein immer febnfücbtigeres wurde, da kam auch wieder die Landfcbaftsmalerei zu neuen Ehren und das Stilleben, fowie das Tierftück wurde wieder intenfiver gepflegt. Allen voran ging da die niederländifcbe Schule — die Schule von Brabant — die ficb vollauf der naturaliftifcben Darftellungsweife hingab. Als erfter, großer Jagdmaler — und diefer Name fei hier fpeziell geftattet — trat ihr Hauptmeifter Peter Paul Rubens — auf den Plan, wohl eine der glänzendften, bedeutendften und vielfeitigften Erfcbeinungen in der Kunftgefcbichte ! Seine wild bewegten Tierftücke, feine Wolfs- und Löwenjagden, die Jagd des kalydonifcben Ebers, die Löwendarftellungen und fo viele andere ähnliche Werke feiner Hand find wohl das meifterbaftefte und großartigfte, das in diefem Genre je gefcbaffen wurde! 154