Die Erste internationale Jagd-Ausstellung Wien, 1910. Wien-Leipzig, 1912 / Sz.Zs. 424

II. TEIL. Die Ausstellung und das Jagdwesen - III. ABSCHNITT. Die Jagd in ihren Beziehungen zu Handel und Verkehr, zu Industrie, Kunst und Gewerbe

Die modernen Jagdwaffen. Die Jagdwaffe ftellte dem Jäger in der Regel nur zwei Scbüffe zur Verfügung, zwei Scbrotfcbüffe oder einen Schrot- und einen Kugelfchuß oder zwei Kugelfchüffe. Die edelfte Waffe, die noch heute viele Liebhaber zählt, ift freilich die einfache Birfchbücbfe, die den ganzen Erfolg auf den einen feingezielten, ruhig abge­zogenen Schuß ftellt. Bekanntlich führt Se. Majeftät unfer Kaifer in treuer Anhänglichkeit immer den ein­fachen Stutjen, und zwar Bücbfen von jenem klaffifchen Typus, den der berühmte Bücbfenmacher Leutbner in Ifcbl kreiert bat, indem er die Formen des Perkuffionsgewebres, den Ganzfcbaft mit Hirfcbrofe und den Harfenbügel dem Hinterlader als altväterifches Ornament anftilifierte, Bücbfen wie fie beute von der Firma Job. Springers Erben an die Allerböcbfte Stelle geliefert werden. Was aber ein guter, gerechter, firm­fäuftiger Weidmann aus der einfachen Birfchbücbfe herauszuholen vermag, das lehrt ein Blick auf die Hocb­wildftrecke unteres Kaifers. Bis in das 9. Jahrzehnt des verfloffenen Jahrhunderts hinein fpielte das Militärgewebr im Jagdwaffen­wefen nur eine febr untergeordnete Rolle. Die erften Militärbinterlader, die Modelle Wänzl, Werndl ufw. waren für den Jagdgebraucb viel zu plump und boten keinerlei Vorteil. Aucb die Syfteme Kropatfcbek und Fruhwirtb, obwohl fcbon Repetierwaffen, fanden bei den Jägern keinen Anklang. Nur das Schweizer Ordon­nanzmodell Martini mit Kippblockverfcbluß erfreute fich einer gewiffen Beliebtheit und wird nocb beute infoferne gefcbätjt, als der bandliche Martiniverfcbluß in unzähligen Varianten fortlebt. Scbeibenbücbfen werden meift mit einem mehr oder weniger verbefferten Martiniverfcbluß verfeben, desgleichen leichtere Birfcbbücbfen. Aber aucb jene allerftärkften Verfchlüffe, welche in der Regel dann zur Verwendung kommen, wenn aus einer einfachen Bücbfe eine befonders ftarke Munition verfeuert werden foll, die fogenannten Vertikalblockverfcblüffe, ftammen in gerader Linie vom Martinifyftem ab. Neuerdings bat eine ausgezeichnete einbeimifcbe Firma, Johann Kaletjky, Wien, die Jägerwelt mit einer wirklich epochemachenden Konftruktion überrafcbt und befcbenkt, indem fie das fcbwere Problem löfte, den unbedingt zuverläffigen Vertikal­blockverfcbluß, der Gasfpannungen bis zu 5000, ja 6000 Atmofpbären ftandbält, für Doppelbüchfen rade das Martinifyftem, wel­ches ja den Vorzug derSelbft­fpannung bot, fich derartiger Beliebtheit erfreuen durfte. Diefer Zug trat noch fcbärfer hervor, als im Jabre 1888 die deutfcbe Armee mit dem Mauferrepetiergewebr aus­gerüftet wurde. In diefem Augenblicke festen zwei be­deutfame Bewegungen ein: die Repetierbücbie wurde zur Jagdwaffe und die jagdwaffeninduftrie nahm von nun an innige Fühlung mit der Kriegswaffentecbnik. Außerdem intereffierten fich die Jäger mit einem Male febr lebhaft für das raucbfchwacbe Pulver, welches neben dem Vorzuge der geringeren Rauchentwicklung auch den der bedeutend gefteigerten Gefcboßgefcbwindigkeit, der flachen, „rafanten" Gefcboßflugbabn bot. Man ging im Kaliber auch gleich um einige Millimeter herunter, von 11 auf 8 Millimeter. Die einfeitige Über­fcbätjung der Gefcboßgefcbwindigkeit, welche für das Maufer Modell 88 etwa 620 Meterfekunden betrug, führte dann zur weiteren Verringerung des Kalibers auf 6 1 3 Millimeter, doch lernte man einfeben, daß eine Gefcboßgefcbwindigkeit von 700 bis 750 Meterfekunden zwar fcbießtecbnifcbe Annehmlichkeiten, aber keine unter allen Umftänden ausreichende Wirkung, d. i. rafcbe Tötung ftärkeren Wildes verbürge. So ging man wieder auf 8, 9, 10 und 11 Millimeter hinauf. Heute werden alle Kaliber nebeneinander geführt, am meiften wohl die Mittelkaliber 7, 9, 8'2 und 9'3 Millimeter, während die Kleinkaliber 6'6 und 7'2 Millimeter und die Großkaliber 10'8 und 11'2 Millimeter, mit Ladungen bis zu 4Vs Gramm Nitropulver und darüber, mehr Spezialzwecken dienen, letztere der jagd auf fcbwerftes Wild, Dickhäuter und Büffel. Konnte fich aucb unfer Militärgewebr Syftem Mannlicher nicht fo viele Freunde erwerben wie die leichter zu bedienende Mauferbücbfe, fo ift das Mannlicber-Schönauergewebr mit feiner fanften Spannung und feinem öligen Gang dem Maufer-Streifenlader in konftruktiver Beziehung weit überlegen. Unter allen Jagd­mebrladebücbfen der Welt ift der Mannlicber-Schönauerftutzen zweifellos die vollkommenfte, denn fie vereint in fich Eleganz, Schnittigkeit und geringes Gewicht mit böcbfter Präzifion der Ausführung, ganz aus­gezeichneter Scbußleiftung und geradezu genialer Konftruktion. Ihr einziger Mangel, der aucb ihre weitere Verbreitung unterbindet, ift die modernen Anfprücben nicht genügende, weil viel zu fchwacbe Munition, welche in ihren balliftifcben Leiftungen febr weit hinter jenen der Maufermunitionen zurückbleibt. Doch dürfen wir hoffen, daß die Einführung eines neuen raucbfcbwacben Bücbfenpulvers diefen empfindlichen Übelftand, welcher auf die getarnte vaterländifcbe Induftrie fcbwerläbmend eingewirkt hat, befeitigen wird. So vollkommen uniere namentlich mit Zielfernrohr verfebenen Maufer- und Mannlicberbücbien auch find, die Zeit ift nicht mehr ferne, da fie durch die automatifche Bücbfe verdrängt und in den Schatten geftellt fein werden. Die erfte automatifche Bücbfe, die in den Handel kam, war die kleine zebnfcbüffige Wincbefter 22, wenn wir von den febr komplizierten und teuren Syftemen Roth und Dreyfe abfeben; diefe waren aucb nicht jagdbraucbbar, da fie eine febr fchwacbe Munition fcboffen. Auch die kleine Winchefterbücbfe, die fich bald einer 148 Block-Doppelbücbfe. fcbwerften Kalibers, Grob­wildbüchfen im vollften Sinne des Wortes, zu adaptieren. DiefeDoppelbücbfenmitVer­tikalblockverfcbluß bildeten entfcbieden eine Senfation des Waffenpavillons. Es ift übrigens bezeich­nend für den praktifcben Sinn der Jägerwelt, daß ge-

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