Die Erste internationale Jagd-Ausstellung Wien, 1910. Wien-Leipzig, 1912 / Sz.Zs. 424
II. TEIL. Die Ausstellung und das Jagdwesen - III. ABSCHNITT. Die Jagd in ihren Beziehungen zu Handel und Verkehr, zu Industrie, Kunst und Gewerbe
Die Induftrie und das Gewerbe in ibren Beziehungen zur Jagd. Die Handfchuhinduftrie ift daran am bervorragendften beteiligt; die Bandagiften verwenden vielfach Wildleder zu einem großen Teile ihrer Erzeugniffe und ebenfo verarbeitet auch die Bekleidungsinduftrie vielfach die verfcbiedenen Wildlederforten zur Verfertigung der in den Gebirgsländern getragenen Lederbofen, dann verfcbiedener Reit- und Sportkleider. Zur Sattelpolfterung findet Wildleder febr häufig Verwendung. In der Möbelinduftrie gelangt die Benutjung von Wildleder zu immer größerer Verbreitung. Meift Decken von Rot-- und Damwild werden infolge ihrer Dauerhaftigkeit für die beliebten Fauteuils und Lebnftüble, mit welchen gerne große Klubräume, Konferenz- und Lefezimmer behaglich und wohnlich ausgeftattet werden, verarbeitet. Die Tafcbnerwareninduftrie und nicht minder das Gewerbe der Etuimacber benötigen zu ihren mannigfachen Erzeugniffen ebenfo des Wildleders, und zwar als Hauptmaterial wie auch für Futterzwecke. Fluch im Kunftgewerbe findet Wildleder nicht feiten zur Herftellung künftlerifcb ausgeführter Einbanddecken paffende Verwendung. Der Wert der in den eben genannten Induftrie- und Gewerbezweigen aus Wildleder bergeftellten Erzeugniffe dürfte auf jährlich 5 bis 6 Millionen Kronen zu veranfchlagen fein. Die Geweihe von Hirfcb-, Damund Rebwild, fowobl die fcbädelecbten, wie die Abwurfftangen, dann auch die Gemsgebörne u. dgl. m. werden, entfprecbend montiert, gerne zur DeWandleucbter aus Steinbockhorn. Pavillon »Fürft Hobenlobe-Oebringenkorierung von Wohnräumen, von Hallen, Sälen und Treppenaufgängen in Jagdfcblöffern und Landbäufern verwendet. Häufig auch bedient ficb die Möbelinduftrie diefer Robprodukte zur Herftellung von Möbelbeftandteilen oder auch ganzer Möbel und Lufter. Zu Galanterie- und Drechslerwaren werden Geweihe und Gehörne in verfcbiedenartigfter und nicht aufzuzählender Mannigfaltigkeit verarbeitet; die Blankwaffen- und Mefferinduftrie verwendet fie zur Herftellung von Griffen der Handwaffen, von Beflecken u. dgl. m. Die Knopfinduftrie Öfterreicbs könnte diefes Produkt der Jagd die Abwurfftangen — nicht entbehren; große Quantitäten derfelben gelangen zur Erzeugung der beliebten Hirfcbhornknöpfe in verfcbiedenen Formen und Größen zur Verarbeitung und nicht unbedeutende Mengen diefes Artikels werden nach dem Auslände exportiert. An der Bekleidungsausrüftung der Jägerwelt und zwar der Berufs- wie der Herrenjäger, ift in nicht unwefentlicbem Maße auch die Wirkwareninduftrie durch Herftellung von warmen Unterkleidern, gewirkten Winterjoppen, Pulswärmern, Scbneebauben, Fäuftlingen, Jägerftrümpfen etc. etc. beteiligt. Der Konfum in diefem Artikel beläuft ficb — ebenfalls nur gering veranfcblagt — auf 1 bis 1 1 2 Millionen Kronen jährlich. Die Schubwarenerzeugung, fowobl die induftrielle wie die gewerbliche, beftebend in der Herftellung eigener, für die Jagdausübung notwendiger und geeigneter Fußbekleidung, wie Birfcbfcbube, Bergfchube, Schnee- und Wafferftiefel, befchäftigt viele Hunderte von Arbeitern in lohnender Weife und erfordert einen jährlichen Utnfat) von 3 bis 4 Millionen Kronen. Um noch einmal auf die Hutinduftrie zurückzukommen fei erwähnt, daß in Öfterreicb zahlreiche große und mittlere Betriebe befteben, welche ficb beinahe ausfcbließlicb mit der Herftellung wetterbeftändiger Jägerbüte befaffen. Infolge der durch den großen Verbrauch im Inlande ge= fteigerten Leiftungsfäbigkeit ift diefer Innenraum der niederöfterreicbifcben Landesabteilung. Öfterreicbifcbes Reicbsbaus. Erwerbszweig zu einer Exportinduftrie geworden. Im Inlandbedarf allein finden diefe Betriebe beziebungsweife deren Erzeugniffe jährlich einen Abtat) von 1 bis 1 '/a Millionen Kronen. Die ftete Ausdehnung der unter rationeller Hege flehenden Jagdbetriebe, die Erkenntnis, daß keine andere Betätigung den Organismus fo günftig zu beeinfluffen vermag, wie die die Muskeln und Nerven ftäblende Jagdausübung, erweitern be= ftändig den Kreis der Jagdliebbaber und dies vornehmlich innerhalb der wohlhabenden Klaffen. Durch diefen Umftand feben wir in waebfendem Maße bedeutende Mittel zur Ausübung diefer Betätigung aufgewendet und zur Befriedigung der gefteigerten Bedürfniffe, die neben dem Zweckmäßigen auch das Schöne, Bequeme, Woblangepaßte nicht miffen wollen, nach allen Seiten reiche Tätigkeit ficb entfalten. So wird auch das Baugewerbe zur Herftellung von Jagdubikationen aller Art zu febr umfangreicher Betätigung herangezogen und fo entftand eine fpezielle Richtung der Architektur, und zwar fowobl für die Bauanlagen felbft als auch für jagdliche Interieurs. Das Streben, diefe Jagdubikationen gefällig und zugleich auf das Zweckmäßigfte auszugeftalten, haben fowobl der Baukunft als auch dem Kunftgewerbe ein großes Arbeitsfeld für ihre erfinderifeben Kräfte eröffnet. 143