Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Andrea Komlosy: Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs“

Andrea Komlosy Waren, die eine Westfirma als Gegengeschäft angenommen hatte, an andere Abnehmer weiterzuvermitteln.85 Damit entstand ein expandierender Bereich von Vermittlungsdiensten, in dem Österreich in den 1980er Jahren die bis dato im Transithandel führende Schweiz überflügelte. Im klein- und mittelbetrieblichen Bereich wurden Handelskompensationen von spezialisierten Handelshäusern abgewickelt.86 Häufig gehörten diese zum Firmenimperium der Kommunistischen Partei Österreichs, die über ein weit gefächertes Netz privatwirtschaftlich organisierter Firmen verfügte.87 Diese waren nicht nur in besonderer Weise selbst auf Osthandel orientiert, sondern boten sich auf Grund der politischen Kontakte der Partei als verlässliche Partner zur Abwicklung von Osthandelsgeschäffen anderer Unternehmungen an. Die größten Transithandelstransaktionen führten allerdings die Unternehmen der Verstaatlichten Industrie durch, die für Waren-, Anlagen- und Know-how-Exporte im Gegenzug in diesen Anlagen erzeugte Produkte rückkauften. Zur weiteren Vermarktung dieser Produkte dienten unter anderem die Handelsfirmen der VOEST (VOEST Intertrading, gegründet 1978) und der Chemie Linz (MERX, gegründet 1983).88 Die Österreichische Verstaatlichte Industrie, die seit den 1970er Jahren ihre Osthandelsaktivitäten durch den Industrieanlagenexport stark ausweiten konnte, bedurfte der Vermittlung der kommunistischen Firmen genau genommen nicht. Es steht zu vermuten, dass die Dienstleistungsuntemehmen der Kommunistischen Partei Österreichs auch an den Handelsgeschäften der Verstaatlichten durch Provisionen mitschnitten und auf diese Art und Weise ein beträchtliches Vermögen akkumulierten. Im Fall der DDR, wo die bilaterale Kooperation mit Österreich mit dem Anlagenexport in den 1970er Jahren einen Höhepunkt erreichte, wurde das Vermögen KPÖ-naher Untemehmensdienstleister nach der Wende - unter der Behauptung, es handle sich um SED-Eigentum - auf Antrag der deutschen Treuhandgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland zugesprochen.89 So eröffnete die Liberalisierung des Außenhandels der Vermittlungstätigkeit wachsende Aufgabenfelder. Österreichs Mittlerfunktion erlebte in den 1980er Jahren einen neuen Höhepunkt. Dabei wurden Handelsbeschränkungen für Ostimporte von österreichischer Seite sukzessive abgebaut und allgemeine Zollpräferenzen gewährt. Auch im Export von West nach Ost entwickelten österreichische Firmen Mittel und Wege, das für technisch hoch entwickelte 85 Vgl. G abri sch, Hubert - Stankovsky, Jan: Sonderformen im Ost-West-Handel I: Der Transithandel (= WIIW Forschungsbericht Nr. 114). Wien 1986. 86 Vgl. G abri sch, Hubert - Stankovsky, Jan: Sonderformen im Ost-West-Handel II: Das Gegengeschäft (= WIIW Forschungsbericht Nr. 117). Wien 1986. 87 Vgl. den Beitrag von Maren Seliger in diesem Band. 88 Gabrisch-Stankovsy: Transithandel, S. 14. 89 Oberverwaltungsgericht Berlin, 23. September 2003. 96

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