Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Andrea Komlosy: Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs“

Andrea Komlosy Westen“ dienten.42 Allerdings unterlagen auch die USIA-Betriebe denselben Embargobestimmungen, die für die Exporte in die Sowjetunion und die in ihrem Einflussbereich liegenden Staaten galten.43 Bestimmte Rohmaterialien und Vorprodukte wurden USIA-Betrieben überhaupt nur, wenn sie sich verpflichteten, die verarbeitete Ware an österreichische Unternehmen zu liefern.44 Die wirtschaftliche Situation der sowjetischen Unternehmen in Österreich begann sich mit dem Inkrafttreten der Isolationspolitik deutlich zu verschlechtern. Auf Grund des Mangels an Rohstoffen und wichtigen Vorprodukten, die den sowjetischen USIA-Betrieben wegen des Embargos von westösterreichischen und westeuropäischen Lieferanten vorenthalten wurden, verlagerte sich ihre Tätigkeit zunehmend auf Kompensationsgeschäfte mit dem Ostblock.45 Umgekehrt entzog die USIA-Verwaltung ihre Betriebe in vieler Hinsicht den österreichischen Steuer- und Zollgesetzen und versuchte die Grenzlage zu den benachbarten Ostblockstaaten zu nutzen, um gegen den Osten gerichtete Embargobestimmungen zu unterlaufen.46 Die Existenz eines großen sowjetischen Wirtschaftskomplexes an der Schnittstelle der westlichen und der östlichen Einflusssphäre stellte zweifelsohne ein „Loch in Österreichs Grenze“47 zum Ostblock dar, das sich der Kontrolle der Westmächte entzog. Gleichzeitig stellte die Zonengrenze zwischen westlicher und sowjetischer Besatzungszone eine Trennlinie dar, die zum weit gehenden Ausschluss des österreichischen Ostens von westlichen Wiederaufbau- und Integrationsmaßnahmen führte. Eine entscheidende Zäsur stellte der Marshallplan dar. Insgesamt erhielt Österreich in den Jahren 1948 bis 1952 21 Mrd. ÖS an Marshallplan-Geldem. Während pro Kopf der Industriebeschäftigten in der Steiermark 14 600.- ÖS, in Oberösterreich 21 800.- ÖS, in Kärnten 28 000,- ÖS und in Salzburg 66 000.- ÖS an Marshallplan-Mitteln investiert wurden, waren es in Niederösterreich nur 5 500.- ÖS und in Wien nicht einmal 5 000.- ÖS.48 Obwohl also auch ERP-Gelder in die östliche Besatzungszone gelangten, floss der Hauptteil der Marshallplan-Mittel in den wirtschaftlichen Aufbau im Westen Österreichs, wo sich in den Nach­42 Ebenda, S. 231. 43 USIA-Betriebe 1983, S. 77 f; Einwitschläger: Amerikanische Wirtschaftspolitik, S. 80-94. 44 USIA-Betriebe 1983, S. 77 f. 45 USIA-Betriebe 1983, S. 79. 46 Sowjetische Besatzungswirtschaft 1 9 5 8 , S. 229; USIA-Betriebe 1983, S. 68. 47 Dieser Begriff tauchte bereits in der zeitgenössischen Presse auf und wurde erneut in einer Jubliläumsschrift im Jahr 1958 aufgegriffen - 10 Jahre ERP in Österreich 1948-1958. Wirtschafts­hilfe im Dienste der Völkerverständigung, hg. vom Bundeskanzleramt Wien 1958, S. 83. 48 Jahrbuch der Handelskammer Niederösterreich für das Jahr 195 2. Wien 1953, S. 167; vgl. auch H o fb a uer : Westwärts, S. 158;Klambauer: USIA-Betriebe, S. 372. 84

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