Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)
Andrea Komlosy: Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs“
kriegsjahren die infrastrukturellen und industriellen Investitionen konzentrierten. Nur 407 Mio. Schilling gelangten zwischen 1948 und 1952 nach Niederösterreich, das sind 6,2 Prozent der gesamten ERP-Counterpart-Mittel, die in diesem Zeitraum ausgeschüttet wurden.49 USIA-Betriebe bekamen praktisch überhaupt keine ERP- Mittel. So wie die Umsetzung des österreichischen Verstaatlichungsgesetzes endete das European Recovery Program de facto an der Zonengrenze. Dazu kam, dass auch private Unternehmer auf Grund der politischen Unsicherheit in dieser Phase im österreichischen Osten ihre Investitionen stark zurück hielten. Wenn möglich, gründeten sie Zweigwerke im österreichischen Westen. Sowohl von staatlicher als auch von ECA-Seite wurde in Branchen, in denen USIA-Betriebe den Markt beherrschten, der Aufbau von Ersatzbetrieben in den westlichen Zonen unterstützt.50 Die österreichischen Wirtschaftsbeziehungen mit den östlichen Nachbarstaaten, die nach dem Krieg einen kurzen Aufschwung erlebt hatten, wurden durch diese Westorientierung extrem geschwächt. Der Erhalt von Marshallplan-Mitteln war an die Beteiligung am Embargo gegen die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten geknüpft, auch wenn Österreich dem COCOM nicht offiziell angehörte.51 Der Austausch der USIA-Betriebe mit den Ostblockstaaten, selbst wenn er die österreichischen Steuerbehörden und die Außenhandelsstatistik teilweise umging, konnte diese Tendenz keineswegs kompensieren. Der Anteil der Tschechoslowakei, Ungarns, Polens und Jugoslawiens am österreichischen Außenhandel, der 1946 noch 26 Prozent betragen hatte, betrug im Jahr 1948 nur mehr 17 Prozent. 1950 entfielen auf die osteuropäischen RGW-Staaten (inkl. UdSSR) nur mehr 15 Prozent der Exporte und 13 Prozent der Importe.52 Am stärksten wirkte sich der Rückgang des Ost-West-Handels auf die Beziehungen mit der Tschechoslowakei aus, die nach dem Krieg nach der Schweiz den wichtigsten österreichischen Außenhandelspartner dargestellt hatte. 1950 betrug der CSR-Handel nur noch fünf Prozent; in den 1960er Jahren sanken die Ein- und Ausfuhren in die CS(S)R unter die zwei Prozent- Marke.53 Stattdessen kam es zur Eingliederung Österreichs in die multilateralen Wirtschafts- und Finanzinstitutionen der westlichen Industrieländer: im Juli 1947 in Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs" 49 Jahrbuch I 95 2 , S. 167; vgl. auch 10 Jahre ERP 1958, S. 87. 50 USIA-Betriebe 1983, S. 69. 51 Stankovsky, Jan: Österreich und der Comecon. In: Monatsberichte des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung 3 (1990). 52 Beiträge zur österreichischen Statistik 1946; Statistische Nachrichten 1947; Statistisches Handbuch für die Republik Österreich NF 1. Wien 1950. 53 Vgl. Statistisches Handbuch für die Republik Österreich. Wien 1950 ff, laufende Jg. 85