Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Andrea Komlosy: Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs“

Der Anteil der USIA-Betriebe an der österreichischen Gesamtwirtschaft wird zwischen fünf Prozent und acht Prozent geschätzt. 1955 waren laut österreichischem Finanzministerium 53 200 Personen im USIA-Komplex beschäftigt, davon 29 593 (= 55,6 Prozent) in Niederösterreich. Diese entfielen zu fast 98 Prozent auf den industriell-gewerblichen Sektor: im Jahresdurchschnitt 1954 entsprach dies in Niederösterreich einem Anteil von 27 Prozent der industriell­gewerblichen Beschäftigten.” In diese Gesamtzahl nicht eingeschlossen sind die 7 892 Beschäftigten der SMV sowie die 1 592 der DDSG.* 38 Die unter USIA-Verwaltung stehenden Betriebe waren mit der restlichen österreichischen Wirtschaft nur schwach integriert. Eine zentrale Aufgabe der sowjetischen Besatzungswirtschaft bestand in der Versorgung der in Österreich stationierten Truppen der Roten Armee. Exporte gingen großteils in die Sowjetunion und andere Ostblockstaaten. Sie dienten dazu, diese Länder mit Rohmaterialien, Mangelwaren sowie Produkten zu versorgen, deren Einfuhr durch das westliche Embargo behindert wurde. Es wurde jedoch auch für den österreichischen und in geringem Ausmaß sogar für den westeuropäischen Markt produziert, da auf diese Weise die für Importe notwendigen Devisen erwirtschaftet werden konnten. Eine Umsatzstatistik der USIA-Betriebe für die Jahre 1946-1955 zeigt, dass der Umsatz zu 42 Prozent Geschäften mit anderen österreichischen Unternehmen, zu 38 Prozent dem Handel mit den Staaten des sowjetischen Blocks und zu 20 Prozent dem konzemintemen Austausch zugeordnet werden kann; der Export in den Westen betrug hingegen bloß ein Prozent.39 Das geringe Ausmaß der Investitionen sowie das über dem österreichischen Durchschnitt liegende Niveau der Löhne und betrieblichen Sozialleistungen lassen keine eindeutigen Schlussfolgerungen über die Pläne der Sowjetunion für ihren österreichischen Wirtschaftskomplex zu. Helmut Feigl äußerte in einer Untersuchung über die USIA-Betriebe in Niederösterreich die Vermutung, dass einzelne Firmen dem Zweck gedient haben, der Sowjetunion trotz Embargo einen Türspalt nach Westen offen zu halten.40 Er folgt damit einer Studie, die 1958 im Auftrag der österreichischen Regierung erstellt wurde und die eine zentrale Aufgabe der sowjetischen Besatzungswirtschaft in der „subkutanen Verflechtung mit der Wirtschaft der Freien Welt“ ortete.41 Sehr eindrücklich wird dieser Zusammenhang am Beispiel der Handels- und Transportfirmen dargelegt, die als „Verbindungs- und Brückenkopf nach Osten und Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs" 17 Berichte und Informationen 10/1955, 11; vgl. auch Klambauer: USIA-Betriebe, S. 257 f. 38 Klambauer: USIA-Betriebe, S. 258. 39 Sowjetische B esatzu n gs wi rt s c h a ft 1 95 8,S. 141 f. 40 USIA-Betriebe 1983, S. XVI 41 Sowjetische B esa t zu n gs wi rt sc h a ft 1 95 8, S. 23. 83

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