Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Andrea Komlosy: Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs“

Andrea Komlosy It was hoped nationalization would stop the Russians from removing those assets (gemeint ist das Deutsche Eigentum, A. K.) or operating them outside the Austrian economy.33 Mit diesen Worten brachte ein Memorandum zur Frage des Deutschen Eigentums die Haltung der US-amerikanischen Besatzungsmacht deutlich zum Ausdruck. Dieses war damit zur einer wesentlichen Grundlage für das österreichische Wiederaufbaumodell geworden, das ab 1948 von den USA mit Marshallplanmitteln in Gang gesetzt wurde und der verstaatlichten Industrie eine zentrale Rolle beimaß. Mit dem Gesetz vom 26. März 1947 wurde auch die Energiewirtschaft in die Verstaatlichung einbezogen. Die Sowjetunion lehnte in ihrer Besatzungszone die Durchführung des Verstaatlichungsgesetzes ab. Das ehemalige Deutsche Eigentum, das nicht nur industrielle Großbetriebe, sondern auch Gewerbe-, Handels- und Transportuntemehmungen sowie land- und forstwirtschaftliche Güter umfasste, ging hier in sowjetisches Eigentum über.34 Mit dem Befehl Nr. 17 vom 27. Juni 1946 wurde dafür eine eigene Verwaltungseinrichtung, die USI(W)A (Administration des sowjetischen Eigentums im östlichen Österreich) geschaffen. Der sowjetische Wirtschaftskomplex unterstand direkt den sowjetischen Fach- und Branchenministerien in Moskau, der Staatlichen Planungsabteilung GOSPLAN sowie der beim Ministerium für Außenhandelsbeziehungen angesiedelten Hauptverwaltung für das sowjetische Vermögen im Ausland (GUSIMZ). Die Leitung erfolgte durch einen sowjetischen Generaldirektor mit drei Stellvertretern, denen ihrerseits von sowjetischen Direktoren geführte Verwaltungs- und Branchenabteilungen unterstanden.35 Alle anderen Mitarbeiter waren Österreicher, die in erster Linie im Umfeld der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) rekrutiert wurden; KPÖ-Mitglieder stellten einen Gutteil der mittleren Führungskräfte in den USIA-Untemehmen. Eine separate Verwaltungs- und Führungsstruktur wiesen die Sowjetische Mineralöl Verwaltung (SMV) und die Donau-Dampfschifffahrtsgesellschaft (DDSG), das führende Schifffahrtsunter­nehmen auf der Donau, auf, die ebenfalls aus deutschem in sowjetisches Eigentum überfuhrt worden waren. Sämtliche Finanztransaktionen der sowjetischen Wirtschaftsbetriebe in Österreich wurden über die Sowjetische Militärbank (SMB), eine Filiale der Staatsbank GOSBANK abgewickelt, deren Mitarbeiter allesamt Sowjetbürger waren.36 Zit. in: Einwitschlager: Amerikanische Wirtschaftspolitik, S. 168. 34 Stiefel, Dieter: Die wirtschaftlichen Interessen der Sowjetunion in Österreich. Forschungsprojekt, Antrag. Wien 1998. 35 Sowjetische Besatzungswirtschaft 1958, S. 13 f. 36 Sowjetische Besatzungswirtschaft 1 9 5 8 , S. 233 f. 82

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