Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Andrea Komlosy: Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs“

Andrea Komtosy sowjetische Besatzungszone in Österreich, die durch eine - von beiden Seiten überwachte - Zonengrenze von den westlichen Besatzungsgebieten getrennt war, auf der anderen Seite des „Eisernen Vorhangs“. Im Zusammenhang mit einem Bericht über die Schifffahrt auf der Donau (DDSG durchbricht „Eisernen Vorhang“) lokalisierte ein Journalist des „Neuen Österreich“ den „Eisernen Vorhang“ bei Enns, also beim Eintritt der Donau von der US-amerikanischen in die sowjetische Besatzungszone.22 Der intensivste Austausch fand mit der Tschechoslowakei statt. Ein erster, auf ein halbes Jahr befristeter Handelsvertrag wurde bereits im Dezember 1945 geschlossen. Zwischen August 1945 und Mai 1946 wurden 42 Prozent der österreichischen Exporte und 39 Prozent der Importe mit diesem einen Land getätigt.23 Die spontane Kooperation der alten Partner wurde in der Folge von politischen Spannungen überschattet und musste nach dem Auslaufen des ersten Abkommens ohne bilaterale vertragliche Begleitung auskommen. Privatkompensationen und informelle Tauschgeschäfte auf Untemehmensebene sorgten jedoch dafür, dass die Beziehungen nicht abrissen. 1946 wurden 26 Prozent des österreichischen Außenhandels mit der Tschechoslowakei, Ungarn, Polen und Jugoslawien abgeschlossen, der CSR-Anteil am Gesamtvolumen des öster­reichischen Außenhandels belief sich auf 20 Prozent.24 25 Die Jahre zwischen 1949 und dem Abzug der Besatzungsmächte im Oktober 1955 waren eine Periode der doppelten Grenzlinie.2' Zur Zonengrenze an der Enns kam die Staatsgrenze gegenüber der Tschechoslowakei und Ungarn, wo ab 1949 der Bau der physischen Grenzsperren des „Eisernen Vorhangs“ in Angriff genommen wurde. Dazwischen eingekeilt lag die sowjetische Besatzungszone, deren West- und Ostgrenzen durch unterschiedliche Formen der Durchlässigkeit geprägt waren. Der Sowjetunion, die im Krieg die schwersten Zerstörungen erlitten hatte, ging es vor allem darum, den Zugriff auf das „Deutsche Eigentum“ zu erlangen, das den Besatzungsmächten im Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 zur Deckung ihrer Reparationsansprüche zugesprochen worden war. Auf Grund der Übernahme österreichischer Betriebe durch deutsche Eigentümer sowie des massiven Ausbaus der Grundstoff- und Rüstungsindustrie in der Zeit des Nationalsozialismus war der Anteil deutschen Kapitals an den österreichischen Unternehmen stark angestiegen. 22 NeuesÖsterreich, 15. Mai 1955. 23 Monatsberichte des Instituts für Wirtschaftsforschung 7 (1946), S. 98 24 Beiträge zur österreichischen Statistik, Wien 1946, Heft 1 25 Vgl. Komlosy, Andrea: Die niederösterreichische Grenzregion - Wiederaufbau im Spannungs­feld zwischen West und Ost. In: Schultz, Helga (Hg ): Bevölkerungstransfer und Systemwandel. Ostmitteleuropäische Grenzen nach dem Zweiten Weltkrieg. Berlin 1998, S. 335-360, hier S. 335- 337. 80

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