Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)
Andrea Komlosy: Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs“
niedrigen Niveau des Westhandels und einer besonders ungünstigen Warenstruktur der Exporte einherging.18 Die Verschuldung der osteuropäischen Staaten konnte durch die Aktivierung der Handelsbilanz nicht abgebaut werden. Sie stieg von 64,6 Mrd. US-Dollar im Jahr 1980 auf über 100 Mrd. im Jahr 1989.19 Der Ländervergleich macht allerdings deutlich, dass eine aktive Handelsbilanz auf der Basis von hochwertigen Exportgütem die günstigste Voraussetzung darstellte, die Schulden niedrig zu halten. Das Paradebeispiel dafür ist die Tschechoslowakei, deren Schulden sich 1989 auf 6,9 Mrd. US-Dollar beliefen. In der DDR hingegen stiegen die Schulden wesentlich stärker und betrugen 1989 21,2 Mrd. US-Dollar. Eine explosive Zunahme ihres Schuldenstandes erlebten Ungarn (20,6 Mrd.) und Polen (41 Mrd.). Der einzige Staat, in dem tatsächlich ein Abbau der Auslandschuld bewerkstelligt wurde, war Rumänien. Die Schulden hatten mit 10,2 Mrd. US-Dollar im Jahr 1981 ihren Höhepunkt erreicht und wurden im Laufe der 1980er Jahre durch konsequente Umlenkung der inländischen Kapazitäten in den Export bei gleichzeitiger Importdrosselung auf eine Mrd. US-Dollar im Jahr 1989 abgebaut. Damit war Rumänien zum Zeitpunkt des Systemwechsels das einzige Land des Ostblocks, das schuldenfrei war. Österreich und der doppelte „Eiserne Vorhang“ Unmittelbar nach dem Krieg gab es seitens Österreichs eine Reihe von Ansätzen, die Wirtschaftsbeziehungen mit den osteuropäischen Nachfolgestaaten der Monarchie auszubauen. Diese waren in der Zwischenkriegszeit trotz staatlicher Trennung auf hohem Niveau fortgesetzt, durch Weltwirtschaftkrise und die territoriale Neuordnung unter dem Nationalsozialismus jedoch stark beeinträchtigt worden.20 Wirtschaftsaustausch und Reisen waren durch Kriegszerstörungen und politische Nachkriegswirren erschwert, aber keineswegs unmöglich, zumal der österreichische Osten (Niederösterreich, Burgenland, oberösterreichisches Mühlviertel) ja Teil der sowjetischen Besatzungszone war. Wenn der Begriff des „Eisernen Vorhangs“ damals zur Anwendung gelangte, bezog er sich nicht auf spezifische Grenzbefestigungen, sondern ganz allgemein auf die Präsenz der Sowjetmacht in Osteuropa.21 So gesehen lag in gewisser Hinsicht auch die Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs ' 18 Vgl. Hofbauer, Hannes - Komlosy, Andrea: Restructuring (Eastern) Europe. In: First International Conference of Social Critical Reviews, 10-12 April, 1991. Budapest 1991, vol. 1, S. 259. 19 WKW, Comecon Data 1988, Eastern Europe and USSR: Gross Debt in Convertible Currencies, 1970-1987. 20 Teichova, Alice: Kleinstaaten im Spannungsfeld der Großmächte. Wirtschaft und Politik in Mittel- und Südosteuropa in der Zwischenkriegszeit. Wien 1988, Kap. 11. 21 Komlosy: Österreichs Grenzen, S. 55 f. 79