Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Andrea Komlosy: Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs“

Andrea Komlosy Eine Erhebung der UN-Economic Commission for Europe ging von einem breiteren Kooperationsbegriff aus und kam für das Jahr 1976 auf eine Gesamtzahl von 1 200 Kooperationsprojekten (ohne Joint Ventures).15 Das Kooperationstempo hatte sich im Gefolge der Weltwirtschaftskrise 1974 kurzfristig verlangsamt und stieg 1975 zahlen- und wertmäßig erneut an. Auch hier erscheinen Ungarn und Polen, die 60 Prozent der Systemgrenzen überschreitenden industriellen Vereinbarungen auf sich vereinten, als Leitsterne, gefolgt von Rumänien mit 20 und die UdSSR mit 13 Prozent. Vor allem für die kleineren Staaten stellte die Kooperation eine Möglichkeit dar, Lizenzen und Komponenten für die Errichtung einheimischer Produktionsketten aufzubauen. Auf der westlichen Seite entfielen 26 Prozent der Kooperationen auf die BRD, 16 Prozent auf Frankreich und zwölf Prozent auf Österreich; weitere Partner kamen aus den USA, Japan, Italien und Schweden. Die Ausweitung von Handelsvolumen und Kooperationen korrespondierte mit der Verschuldung der osteuropäischen Staaten. Zwischen 1970 und 1980 stieg diese von 5,1 auf 64,6 Mrd. US-Dollar an,16 was die Regierungen schließlich unter Zug­zwang setzte, das Handelsbilanzdefizit abzubauen. Dies gelang in den einzelnen Staaten in höchst unterschiedlichem Ausmaß.17 Alle sechs osteuropäischen Länder zusammengerechnet, schlug das Handelsbilanzdefizit mit OECD-Europa im Jahr 1982 vom Negativen ins Positive. Den Beginn hatte 1977 die DDR gemacht, gefolgt von der CSSR 1979, Rumänien 1980 und Polen 1982. In der DDR und der ÖSSR ging der Anstieg der Exporte mit einer Ausweitung der Importe aus dem Westen einher. Eingefuhrte Technologie, Maschinen und Ausrüstung hatten die Exportkapazitäten stimuliert und zur aktiven Handelsbilanz beigetragen, es hatte importinduziertes Wachstum stattgefunden. Anders in Polen und vor allem in Rumänien, wo den wachsenden Exporten kein Wachstum der Importe gegenüberstand. Hier wurde die Aktivierung der Handelsbilanz durch die Drosselung der Einfuhren herbeigeführt, was schließlich auf das Konsumniveau zurückwirkte. Lediglich in Ungarn und Bulgarien blieb die Bilanz negativ. In Ungarn wurden unter dem legendären „Gulaschkommunismus“ die Importe aus dem Westen beibehalten; es gelang allerdings nicht, diese durch das Wachstum der Exporte auszugleichen. Die Handelsverflechtung mit dem Westen war bedeutend. Dies unterschied Ungarn von Bulgarien, wo die negative Handelsbilanz mit einem 15 Economic Commission for Europe [in Hinkunft: ECE], Economic Bulletin for Europe, vol. 29. New York 1977. 16 WIIW, Comecon Data 1988, Eastern Europe and USSR: Gross Debt in Convertible Currencies, 1970-1987. 17 WIIW, Comecon Data 1988, OECD-Europe: Trade Balances with Eastern Europe and USSR, 1970-1987. 78

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