Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)
Maren Seliger: KPÖ-Firmen und Osthandel 1945-1989. Rahmenbedingungen und einige Aspekte der Außenhandelspraxis
Maren Seliger gedeutet.3 In späteren Jahren ging es eher darum, der KPÖ Steuer schonende Tricks und Finessen nachzuweisen und Vermutungen über die Vermögenswerte der politisch zur Bedeutungslosigkeit herabgesunkenen Partei anzustellen.4 5 Die Frage, welche ökonomische Rolle die Parteifirmen im Osthandel an sich gespielt haben, wurde damit kaum beantwortet. Eine fundierte wissenschaftliche Analyse dieser Thematik liegt noch nicht vor.5 Die historische Aufarbeitung sieht sich mit einer schwer zugänglichen Quellenlage konfrontiert, die durch den Umstand verschärft wird, dass diese Handelsfirmen „getarnt“ agierten. Im Folgenden werden die innen- und außenpolitischen Rahmenbedingungen skizziert, unter denen das Engagement der KPÖ im Außenhandel erfolgte, um damit die besonderen Voraussetzungen für die Firmengründungen zu beleuchten. Schließlich soll versucht werden, einige Hinweise zur Außenhandelspraxis zu skizzieren und die Frage der Rückwirkung ihres wirtschaftlichen Flandelns auf die Politik der Partei thesenhaft anzusprechen. Der Beitrag basiert neben einschlägiger zeitgeschichtlicher Literatur auf Zeitungsdokumentationen6, politischen Biografien und einigen Interviews mit Experten7 zur Geschichte der KPÖ und ihren Wirtschaftsunternehmen. 2. Österreich nach 1945 - Ausgangsbedingungen 2.1. KPÖ Beim Wiedererstehen Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg schien der KPÖ eine bedeutendere Rolle zuzufallen als in der l. Republik. Ihr Vorsitzender, mit der siegreichen Sowjetarmee nach Österreich zurückgekehrt, proklamierte gemeinsam mit den Parteiführern von ÖVP und SPÖ die Unabhängigkeit Österreichs. Die KPÖ 3 Vgl. Gredler, Willfried: Rede 6.12.1961, Nationalrat IX. Gesetzgebungsperiode, 85. Sitzung, S. 3 676-3 684. Sager, Peter: Getarnte Firmen. Der kommunistische Wirtschaftskrieg in Österreich. Bern 1962 (Schweizerisches Ost-Institut, Schriftenreihe H. 11), 32 S., hier S. 4-9. 4 Vgl. Worm. Alfred: Schuld und Sühne. Saftiges Körberlgeld für den überraschten Finanzminister: Die KPÖ-eigenen Firmen erstatteten Selbstanzeige, ln: profil Nr. 2, 10.1.1994, S. 24-25. 5 Vgl. dazu Spira, Leopold: Kommunismus adieu. Eine ideologische Biographie. Wien 1992, S. 129. 6 Sozialwissenschaftliche Dokumentation der Bibliothek der Arbeiterkammer Wien. Kommunalpolitische Zeitungsausschnittsammlung der Bibliothek des Wiener Stadt- und Landesarchivs. Tagblattarchiv der Wiener Stadt- und Landesbibliothek. 7 Kurt Menasse, u. a. Begründer der Handelsfirma Wagner & Co. Vgl. biografisches Interview mit Kurt Menasse, ln: Ein neuer Frühling wird in der Heimat blühen. Erinnerungen und Spurensuche, hrsg. von Heinz Kienzl, Susanne Kirchner. Wien 2002 (Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte Bd. 38), S. 148-150. Oskar Rosenstrauch, u. a. langjähriger Geschäftsführender Direktor der polnisch-österreichischen Firma Polcarbon. 108