Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)
Andrea Komlosy: Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs“
politischen Systems erweckte. Diese Vorstellung entpuppte sich nach dem Systemwandel bald als Illusion. Zur Rolle der österreichischen Neutralität: eine Bilanz Der österreichische Spielraum als Intermediär im Ost-West-Konflikt erwies sich als umso größer, je weniger entwickelt die Beziehungen zwischen dem Westen und dem Ostblock waren. Voraussetzung für eine wirtschaftliche Vermittlerrolle war allerdings, dass der Kalte Krieg überwunden war und eine wirtschaftliche Annäherung stattfand. Eine solche Annäherung, wenn auch auf niedrigem Niveau, fand in den 1960er Jahren statt. Der wirtschaftliche Austausch war in dieser Zeit durch die Verfahrensregeln der Planwirtschaft und ihre bürokratischen Auflagen für den Außenhandel äußerst schwierig. Österreich konnte diese Erschwernisse auf Grund von traditionellen Bindungen und gutnachbarschaftlichen Beziehungen, die durch die Neutralität eine neue Grundlage erhielten, leichter überwinden als die meisten anderen westlichen Staaten. Die Folge war ein vergleichsweise hoher Anteil des Osthandels am österreichischen Außenhandel sowie eine besondere Rolle in der Anbahnung und Abwicklung von Geschäften ausländischer Unternehmungen. Auf dieser Grundlage war es Österreich möglich, die Geschäftsbeziehungen mit Osteuropa in der ersten Hälfte der 1970er Jahre, als das Ende der Wiederaufbaukonjunktur im Westen eine Verwertungs- und Überproduktionskrise mit sich brachte, auszubauen. Die eingespielten Kontakte erleichterten die Expansion, die nicht nur den Handel, sondern neue Formen der Untemehmungs- kooperation betraf. Eine Zäsur trat Mitte der 1970er Jahre ein. Im Unterschied zu früher stellte Österreich nun keine Ausnahme mehr dar. Auch die anderen westlichen Staaten erweiterten ihre Handels- und Kreditbeziehungen mit Osteuropa. Österreich schnitt bei dieser Expansion, die einen Beitrag zum westlichen Krisenmanagement darstellte, auf Grund der strategischen Rolle seiner Ostkontakte zunächst gut ab; es profilierte sich im Transithandel und im Switch-Geschäft. Allerdings brachte die wirtschaftliche Annäherung zwischen Ost und West, die das Ausmaß von Handelsund Kreditvolumen seit den 1970er Jahren auf ein bisher ungekanntes Niveau anstiegen ließ, neue internationale Regulierungsformen mit sich: Das Clearingverfahren im Zahlungsverkehr machte konvertiblen Währungen Platz, die bilaterale Vereinbarung von Zollsätzen den GATT-üblichen Zollpräferenzen. Die meisten osteuropäischen Staaten akzeptierten Auslandsinvestitionen im Rahmen von Joint Ventures und übernahmen Auftragsfertigungen im Rahmen der neuen internationalen Arbeitsteilung. Diese Normalisierung der Ost-West-Beziehungen im Sinne der Durchsetzung von Verkehrsformen, die unter kapitalistischen Staaten üblich waren, schlug sich auch Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs" 103