Gertrude Enderle-Burcel, Dieter Stiefel, Alice Teichova (Hrsg.): Sonderband 9. „Zarte Bande” – Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder / „Delicate Relationships” – Austria and Europe’s Planned Economies (2006)

Andrea Komlosy: Österreichs Brückenfunktion und die Durchlässigkeit des „Eisernen Vorhangs“

Andrea Komlosy in den Handels-, Zahlungs- und Kooperationsabkommen zwischen Österreich und den sozialistischen Staaten nieder. Österreich stellte mit der Anpassung seiner Abkommen aber keinen Vorreiter im Ost-West-Kontakt mehr dar, sondern bewegte sich im internationalen Trend. Die Marktlücke, die sich aus der Desintegration der Ost-West-Beziehungen während des Kalten Krieges ergeben hatte, war damit hinfällig geworden. Dies machte sich in einem starken Einbruch in den jährlichen Wachstumsraten des österreichischen Ostexports bemerkbar, die von 20 Prozent im Zeitraum 1970/75 auf weniger als zwei Prozent im Zeitraum 1975/79 sanken. Eine Kompensationsmöglichkeit stellten die Unternehmungskooperation und der Transithandel dar. Österreichische Firmen spielten in den zwischenbetrieblichen Kooperationen mit osteuropäischen Unternehmen, die in den frühen 1970er Jahren anliefen und in den 1980er Jahren stark Zunahmen, eine Rolle, die die Bedeutung des Landes im Ost-West-Handel bei weitem überstieg. Die entscheidende Achse bestand dabei zwischen Österreich und Ungarn, das unter den Ostblockstaaten bei den Untemehmenskooperationen führend war. Hier handelte es sich in erster Linie um Lohnfertigungen in Leichtindustrien, aus denen sich osteuropäische Unternehmungen Technologie- und Know-how-Transfers erhofften; für die westlichen Partner waren Auftragsfertigungen auf Grund des niedrigen Lohnniveaus interessant. Ein zweites Standbein bildeten Untemehmenskooperationen im Anlagenbau. Im Fall der DDR kam es auch zu Kooperationen im gemeinsamen Anlagenexport in Drittstaaten, z. B. beim Export von schlüsselfertigen Stahlwerken an Länder der Dritten Welt. Eine weitere Möglichkeit, die Verlangsamung des bilateralen Handels auszugleichen, bot der Transithandel mit Drittstaaten. Hier konnten österreichische Dienstleistungsuntemehmen ihre Osthandelskompetenzen in einen expandierenden Marktbereich einbringen. Der „Eiserne Vorhang“ erwies sich somit nicht als die Barriere, die ihm sowohl von Zeitgenossen als auch aus heutiger Perspektive gerne beigemessen wird. Rückblickend zeigt sich, dass der „Eiserne Vorhang“ vor allem die Arbeitskräftemigration von Ost nach West verhinderte. In Bezug auf den Waren- und Kapitalverkehr hingegen war er niemals gänzlich geschlossen. Auf Grund der politischen Verfasstheit der Ostblockstaaten unterlag der Austausch jedoch den staatlichen Waren- und Kapitalverkehrskontrollen. Als die osteuropäischen Regierungen seit den 1970er Jahren einer Ausweitung der Geschäfte positiv gegenüberstanden, traten die Barrieren des Westens in Kraft: einerseits verhinderten die Embargobestimmungen, dass hochwertige Technologie nach Osteuropa gelangte, andererseits sorgten Handelsrestriktionen dafür, dass osteuropäische Importe weitgehend auf Nahrungsmittel, Halb ferti gwaren und Billiglohnprodukte beschränkt blieben. So entwickelten sich die westlichen Kredite, vor allem als in den 1980er Jahren die Zinsen in die Höhe schnellten, zu einer Fessel für die nachholenden Entwicklungsbemühungen. Die osteuropäischen 104

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