Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Wolfgang König: Mit der Eisenbahn auf den Gipfel des Matterhoms

Die Ingenieure: Zwischen Technik- und Naturbegeisterung Die Haltung der Ingenieure zu den Bergbahnen24 25 ist schwerer zu bestimmen als die des Heimatschutzes und des Alpenclubs. Dies liegt vor allem daran, dass Erstere nur als kollektive Akteure zu fassen sind, die Letzteren als korporative Akteure. Unter den Mitgliedern der Schweizerischen Vereinigung für Heimatschutz und des Schweizerischen Alpenclubs gab es durchaus unterschiedliche Auffassungen, doch die Vereine bündelten sie zu mehr oder weniger präzisen Stellungnahmen, welche als Mehrheitsmeinung interpretiert werden können. Dies war bei den Ingenieuren anders. Die Ingenieurvereine verabschiedeten zu den Bergbahnen keine allgemeinen Resolutionen. Man ist also darauf angewiesen, individuelle Voten zu betrachten und deren Repräsentativität für die Berufsgruppe der Ingenieure abzuschätzen. Außerdem bildeten die Ingenieure keine von den Heimatschützem und Bergsteigern klar abgegrenzte Gruppe, es gab vielmehr personelle Überschneidungen. Zu den Mitgliedern des Heimatschutzes gehörten zahlreiche Architekten. Bergbahnpioniere waren auch in den alpinen Vereinen aktiv. Leo Heer-Bétrix, der 1892 die Konzession für Bahnen auf Gomergrat und Matterhorn erhielt, hatte der Sektion Biel des SAC präsidiert.2' Alexander Trautweiler, Initiator von Bahnplänen auf die Jungfrau, gehörte zu den Gründern der Sektion Gotthard. Xaver Imfeld, der Verfasser der Matterhom- Projekte von 1890 und 1906, war Ehrenmitglied des SAC und des Club Alpin Lrançais. Ebenso besaß Joseph Vallot, treibende Kraft hinter den Plänen für eine Bahn auf den Mont Blanc, die Ehrenmitgliedschaft beider Vereine. Unter den Ingenieuren gab es - als Ausnahme - auch ausgesprochene Bergbahngegner. So bezeichnete Alexander Kennedy, Mitglied des Alpine Club und seit 1906 Präsident der traditionsreichen britischen Institution of Civil Engineers, die alpinen Tal- und Bergbahnen „als ein Produkt moderner Tourismusnarrheit”. Am besten wäre es, wenn sie durch ein Erdbeben hinweggefegt würden. Doch - so fuhr Kennedy fort - die Ingenieure seien für diese Fehlleistungen nicht verantwortlich. Sie hätten vielmehr ihren Auftraggebern gedient „wie ein Advokat für seinen Klienten, den er zwar als Uebeltäter kennt, für den er aber, gemäss seinem Beruf, sein Bestes tun Mit der Eisenbahn aut'den Gipfel des Matterhoms 24 Vgl. Dienel, Hans-Liudger: Herrschaft über die Natur? Naturvorstellungen deutscher Ingenieure 1871-1914. Stuttgart 1992, S. 136-138 u. 158 f. 25 Hertig, Paul: Verleger und Bergbahn-Pionier. Das Leben des Bieler Unternehmers Leo Heer-Bétrix. ln: Bieler Jahrbuch 2000, S. 3-29. 85

Next

/
Oldalképek
Tartalom