Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Wolfgang König: Mit der Eisenbahn auf den Gipfel des Matterhoms
Wolfgang König muss.”2'’ Mit der Analogie zu den Rechtsanwälten reihte Kennedy die Ingenieure in die Gruppe der hoch angesehenen Professions ein, den sich durch besonderes Wissen ausgezeichneten und dem öffentlichen Wohl verpflichteten Berufsständen.26 27 * Gleichzeitig wollte er ihre Verantwortung auf die technischen Mittel beschränkt wissen, während die Ziele von anderen formuliert würden. Für Kennedy war der Ingenieur der neutrale Fachmann, der unabhängig von normativen Überlegungen für die ihm gestellte Aufgabe die beste technische Lösung suchte. Diesem Typus lassen sich Aktivitäten des Zürcher Bauunternehmers Eduard Locher zuordnen. Locher erbaute 1889 die Zahnradbahn auf den Pilatus am Vierwaldstättersee und projektierte 1890 eine pneumatische Bahn auf die Jungfrau. Später arbeitete er im Auftrag des Heimatschutzes Pläne zur Rettung der Laufenburger Stromschnellen aus, die der Energiegewinnung am Hochrhein zum Opfer zu fallen drohten.2* Kennedys zugespitzte Stilisierung der Ingenieure als neutrale Auftragnehmer entsprach jedoch nur bedingt der Realität. Beim Bau von Bergbahnen traten Ingenieure und Industrielle nicht nur als Ausführende in Erscheinung, sondern auch als Initiatoren und Unternehmer. Für Bergbahnprojekte zeichneten vor allem zwei Gruppen verantwortlich: Rechtsanwälte sowie Ingenieure und Industrielle, die man mit dem Begriff der Techniker zusammenfassen kann. Die beiden Gruppen brachten die Kompetenzen ein, die man zur Ausarbeitung eines Projekts benötigte, nämlich juristische für die Ausformulierung des Konzessionsantrags im Rahmen des Eisenbahngesetzes und die Abfassung der notwendigen Verträge sowie technische für die Vermessung der Strecke und die maschinen- und bautechnische Konzipierung der Bahn. Zu den Technikern gehörten der an der Bergbahn Lauterbrunnen-Mürren, der Wengemalpbahn sowie an der Gomergratbahn beteiligte Bieler Bauindustrielle August Haag und der Vermessungsingenieur Xaver Imfeld, der u. a. Gomergrat- und Matterhomprojekte ausgearbeitet hatte. 26 Minutes of Proceedings of the Institution of Civil Engineers; with other Selected and Abstracted Papers 167 (1907), S. 13-15. Die Übersetzung folgt jener in der Neuen Zürcher Zeitung, abgedruckt in Heimatschutz 2 (1907), S. 38 f. 27 Vgl. Buchanan, R. A.: The Engineers. A History of the Engineering Profession in Britain, 1750 1914. London 1989. “ Linse, Ulrich: Die Vernichtung der Laufenburger Stromschnellen. Ein „klassischer” historischer Konflikt zwischen „Volkswirtschaft” und „Heimatschutz", ln: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 48 ( 1997), S. 399-412, hier S. 411 86