Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Wolfgang König: Mit der Eisenbahn auf den Gipfel des Matterhoms
Wolfgang König unterbreiteten konkrete Vorschläge, wie dies durch bauliche Maßnahmen zu mildem sei. Die Regierung und das Parlament sahen auf Grund des Eisenbahngesetzes keine Möglichkeit, die Bahn zu verhindern. Hinsichtlich der Trassenführung waren sie bereit, den Bedenken des Heimatschutzes Rechnung zu tragen. Eine in der Nähe vorgesehene Verbindungsbahn zwischen Faulhom und Schyniger Platte, über einen bei Hochgebirgswanderem beliebten Gebirgsrücken, wurde jedoch von der Regierung, entgegen der Vorlage des zuständigen Eisenbahnministeriums, abgewiesen. War dies schon ungewöhnlich, so war es die zur Begründung benutzte Naturlyrik noch mehr: Der Weg vom Faulhorn zur Schynigen Platte gehört zu den genussreichsten kleineren Touren im Berner Oberland. Dem Touristen eröffnet sich hier ein wahres Alpenidyll voll wunderbarer Reize. Auf den lachenden grünen Weiden ruht tiefer Friede und äusserst wohltuende Ruhe. Der ganze Zauber, welcher dieser Gegend entströmt, würde durch die Anlage einer Bahn vollständig vernichtet.7 Es lässt sich vermuten, dass der damals als Regierungschef amtierende Bundespräsident Ludwig Forrer, ein Mitglied des Heimatschutzes, auf die Entscheidung Einfluss nahm. Gebaut wurde letztendlich keine der Bahnen, auch die genehmigte Scheidegg-Bahn nicht, weil die Finanzierung scheiterte. In der Folgezeit zeigte es sich vielfach, dass ästhetische Argumente gegen Bergbahnen nur bedingt zustimmungsfähig waren. Etwa pflegte der Heimatschutz in seinen Organen zwei gegensätzliche Lösungen für technische Bauwerke in der Landschaft als „Beispiel” und „Gegenbeispiel”, „bon” und „mauvais” oder „richtig” und „falsch” einander gegenüberzustellen. So erhielten massige Stein-, aber auch Betonbrücken das Prädikat „bon”, während filigrane Eisenbrücken als „mauvais” bezeichnet wurden.* * Die Auflösung dieser uns eher befremdenden Beurteilung lag darin, dass der Heimatschutz wuchtige, massive Brücken als der Naturlandschaft angemessener empfand und Beton als steinähnlichen, natumäheren Baustoff dem künstlichen Eisen vorzog. Ein zweites Beispiel: 1910 konzessionierte die Bundesversammlung die Standseilbahn Treib-Seelisberg am Vierwaldstättersee mit der Auflage, die Talstation am Seeufer in angemessener Entfernung zum historischen Haus zur Treib zu errichten, wo sich im 17. Jahrhundert die Urkantone versammelt hatten. Ein bekannter Bergbahningenieur sah darin ein Ergebnis des „Heimatschutz7 Schweizerisches Bundesarchiv, Bern [in Hinkunft= BA] E 53/6:264, 1907 - Bundesrat an Bundesversammlung. * Heimatschutz. Zeitschrift der Schweizer Vereinigung für Heimatschutz 3 ( 1908), Heft 11, S. 87; 7(1912), Heft 9, S. 134 f.; 8 (1913), Heft 2, S. 25 u. 27. 78