Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Wolfgang König: Mit der Eisenbahn auf den Gipfel des Matterhoms

Im Heimatschutz sind zwei Richtungen zu unterscheiden. Eine Radikale suchte und fand ihre Vor- und Leitbilder in einer idyllisierten Vergangenheit, in der Sozialität einer auf Nachbarschaftsbeziehungen beruhenden Kleinstadt, in der ganzheitlichen Arbeit des Handwerks, im bäuerlichen Leben, in einer weitgehend unberührten Natur. Da die Radikalen wussten, dass eine solche Vergangenheit nicht wieder herstellbar war, richteten sie all ihre Kraft auf das Bewahren der noch vorhandenen Reste. Dagegen akzeptierten die Reformer, welche im Heimatschutz die Mehrheit bildeten, die Industriegesellschaft. Sie waren bereit, an deren Weiterentwicklung mitzuarbeiten - um damit negative Auswirkungen abzumildem. Konkret beschränkte sich dies meist auf punktuelle Aktivitäten. Hierzu gehörte die Ästhetisierung technischer Bauten. Das Verhältnis des Heimatschutzes zu Technik und Innovation war differenziert. Im Unterschied zum liberalen Wirtschaftsbürgertum sah der konservative Heimatschutz in technischen Innovationen nicht von vornherein einen Fortschritt für die Nation und die Menschheit. Er prüfte technische Entwicklungen hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft und suchte gegebenenfalls nach Alternativen. Der Heimatschutz entstand aus lokalen Protestbewegungen. Diese richteten sich z. B. gegen den Abbruch der in der Schweiz einzigartigen, auf Vauban zurückgehenden Befestigungsanlagen der Stadt Solothurn. In Bern konstituierte sich der Heimatschutz im Jahr 1905 als Reaktion auf Pläne, Grindelwald und Meiringen durch eine Bahn über die Große Scheidegg zu verbinden. Waren ältere Pläne von 1870 - ebenso wie Planungen für eine Bahn auf das Matterhorn 1890 - noch ohne Widerspruch geblieben, so hatte sich der Wind nach der Jahrhundertwende völlig gedreht. Insbesondere war den Opponenten gegen die Scheidegg-Bahn die Teilstrecke durch das Rosenlauital ein Dom im Auge. Den Kern der Gegner bildeten die Berner Maler, die in dem idyllischen Tal vor der großartigen Kulisse der Berner Alpen ihre Staffeleien aufbauten. Die vorgetragenen Argumente waren in erster Linie ästhetischer Art. So stellte ein bekannter Feuilletonredakteur die rhetorische Frage: Kann man sich etwas Schnöderes denken, als daß durchs Rosenlauital, diesen einzig schönen Naturpark des Oberlandes, den man schon längst und für alle Zeiten als unverletzliches Nationaleigentum hätte erklären müssen, künftig eine Eisenbahn gehen soll?6 Die Heimatschützer glaubten jedoch wohl selbst nicht, mit einer Fundamentalopposition gegen die Bahn durchzudringen. Jedenfalls markierten sie später kritische Punkte der projektierten Strecke, wo die Natur verunstaltet werde, und Mit der Eisenbahn auf den Gipfel des Matterhoms 6 Der Bund, 15. März 1905 77

Next

/
Oldalképek
Tartalom