Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Barbara Schmucki: Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse
Barbara Schmucki springende junge Männer, die sich einen Spaß aus diesem gefährlichen Sport machten.6 Vielleicht kann man diese Verhalten etwa mit dem heutigen Bahnsurfen vergleichen.7 Erst Ende der 1950er Jahre, als die alten Straßenbahnmodelle mit neuen Wagen ohne Plattformen und vor allem mit automatischen (hydraulischen) Türen ersetzt wurden, die nicht mehr von Hand geöffnet werden konnten, verschwand das Auf- und Abspringen allmählich. Diese Verhalten kann als Teil des Prozesses der Konstruktion von Männlichkeit verstanden werden. Das Auf- und Abspringen wurde von Männern als eine Art Männlichkeitsbeweis benutzt. Aus der Sicht einer Verkehrshistorikerin oder eines Verkehrshistorikers ist es durchaus interessant zu beobachten, dass die Konstruktion von Geschlechtsidentität auch mit einem bestimmten Design einer Alltagtechnik, in diesem Fall der Straßenbahn, zusammenhängt. In einem weiteren Schritt ist es wichtig, einen Blick in das Innere der Straßenbahnwagen zu werfen. Statistische Daten vom Anfang des 20. Jahrhunderts belegen etwa für München, dass doppelt bis viermal so viele Männer als Frauen mit der Straßenbahn unterwegs waren. Statistiken zu Fahrgästen wurden damals von der lokalen Polizei angefertigt, und zwar im Rahmen der Ermittlungen bei Unfällen mit Straßenbahnen. Nach den Havarien befragte die Polizei alle Fahrgäste in den Straßenbahnwagen, um den Unfall verlauf zu ermitteln. Auch die in Unfälle verwickelten und verletzten Personen zeigen ein ungleiches Gewicht zwischen Frauen und Männern. Im Verlauf des Jahres 1912 wurden 78 Personen verletzt, davon waren nur 17 Frauen. Die statistischen Daten geben nicht nur Auskunft über die Zahl der Fahrgäste, sondern auch über deren Berufe. Die Zahlen machen deutlich, dass nur wenige Fahrgäste Arbeiter oder Arbeiterinnen waren. Die meisten müssen zur Mittelschicht gezählt werden. Sie waren etwa Musiklehrer, Kaufmann oder Beamter. Zudem erwähnen die Quellen auch Mitglieder des oberen Bürgertums wie etwa einen Fabrikanten, einen Richter oder die Frau eines Privatiers." Es zeigt sich hier, dass öffentliche Verkehrsmittel Anfang des 20. Jahrhun6 1. Juli 1950, Stadtarchiv Dresden, Verkehrsbetriebe 171. 7 Aus Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München ist das so genannte S-Bahn-Surfen oder U-Bahn- Surfen seit Mitte der 90er Jahren bekannt. Jemand stellt sich außen aufs Trittbrett oder hält sich irgendwo außen an einem öffentlichen Verkehrsmittel fest, fährt ein Stück mit - manchmal von einer Haltestelle zur nächsten - und springt ab. Seit Neustem scheint es auch in den ländlichen Bereich ü- bergeschwappt zu sein. Allgemein wird solches Verhalten als „Mutprobe" interpretiert, das zum „cool sein" heutiger Jugendlicher gehört. H e i 1 b ro n n e r Stimme (14. 1.2004): http://newsregional.stimme.de/landkreis/0,1667248152,0,0,0,0.html , 2.2.2004; Verein Risiko und Sicherheit, Tagung 25. 4. 98 „Untemehmergeist und U-Bahnsurfen Bewusstes Risikoverhalten", ETH Zürich, URL: http://www.vrs.ethz.ch/veranstaltungen_alt.htm , 2. 2. 2004. * Unfallstatistik der elektrischen Strassenbahnen anno 1912-1915, Staatsarchiv München, RA 62831. 334