Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Barbara Schmucki: Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse

Schienengebundene urbane Transportsysteme und Geschlechterverhältnisse derts noch nicht die Verkehrsmittel für die Arbeiterschaft waren, wie das oft behauptet wird. Um die Jahrhundertwende zeigte auch Ein Flugblatt der Sozialdemokraten aus der Zeit um die Jahrhundertwende gegen die Fahrpreiserhöhung in München weist daraufhin, dass Straßenbahnen nicht zum Weg in die Arbeit benutzt wurden: die Hygieniker befürworten die gleichen Massregeln [d. h. die Preise tief zu halten, B.S.], da­mit wenigstens an den Sonn- und Feiertagen die Minderbemittelten ausserhalb der staubigen Stadt ein paar Stunden frische Luft atmen können.9 Vor dem Ersten Weltkrieg hielt auch die öffentliche Meinung Straßenbahn für Frau­en weniger geeignet als für Männer. Ein Zeitungsartikel von 1897 berichtete etwa: Mögen die grössten Physiologen und Psychologen dafür plädieren, dass das weibliche und männliche Geschlecht geistig gleich veranlagt seien, ein Tramwaykondukteur wird das nie zugeben. Das schöne Geschlecht mit seinem nervösen Hasten beim Ein- und Aussteigen, seiner Vergesslichkeit, seinem geringen Schätzungsvermögen für den Werth der Zeit macht ihm dop­pelt Arbeit.10 11 Während Frauen - von gesellschaftlichen Zuschreibungen benachteiligt - bis zum Ersten Weltkrieg noch weniger zahlreich in Straßenbahnen anzutreffen waren als Män­ner, änderte sich das Verhältnis in der Zwischenkriegszeit. In den 20er Jahren mit dem Aufkommen des Ideals der „modernen Frau“ in den Städten, als junge Frauen zuneh­mend in Büros und als Verkäuferinnen arbeiteten, benutzten gerade sie verstärkt die Straßenbahn. Das öffentlich Bild der Frau veränderte sich und damit einhergehend auch die Art und Weise wie Frauen die Alltagstechnik Straßenbahn benutzten. Seit den 1950er Jahren ist eine weitere auffällige Veränderung im unterschiedlichen Gebrauch von Verkehrsmitteln durch Männer und Frauen zu beobachten. Während der ersten Jahre der Individualmotorisierung waren es die Männer, die als erste aufs Auto umstiegen. Verkehrsexperten in den 50er Jahren stellten fest, dass Straßenbahnen aber trotz zunehmendem Autoverkehr eine wichtige Rolle spielen würden, denn: Selbst wenn alle Familienväter motorisiert zur Arbeit führen, bleiben die Frauen für größere Einkäufe, die heranwachsenden Kinder für den Weg zu jeder gehobenen Ausbildungs- oder Kulturstätte auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen." Noch 1976 zeigte eine Studie im Ruhrgebiet, dass nur zu 30 % aller Frauen zwischen 20 und 59 Jahren mit dem Auto fuhren. 59 %, also über die Hälfte, benutzten den öf­9 16. Oktober 1904 Meldung Pol. Dir. an K.d.I., Flugblatt zur Ausrufung des Tramboykotts der SP, Staatsarchiv München, RA 62823. 10 Münchner Spaziergänge. In: Augsburger Abendzeitung 115 (1897), S. 5. Staatsarchiv Mün­chen, Pol. Dir. 993. 11 Colberg, Rolf, Nahschnellbahnen und Stadtstruktur. Betrachtungen zum Münchner S-Bahn-Projekt. In: Internationales Archiv für Verkehrswesen 9/10 (1958), S. 324. 335

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