Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Stefan Zeilinger: Eisenbahn und Geschwindigkeit

Eisenbahn und Geschwindigkeit einem besonderen Image aufwarten, dem des Neuen, des Sportlichen, des Waghalsigen, und dieser Auflistung wäre beim Gang durch die Zeiten noch viel hinzuzufugen. Hier­auf reagierte die Bahn, einerseits mit marktüblichen Mitteln der Konkurrenz: Sie bot billigere Tarife an, sie kaufte Kraftfahrtunternehmen auf - wie bei der Reichsbahn die Spedition Schenker - und erweiterte damit ihr Angebot. Das Potenzial der Komfortzü­ge war dabei jedoch praktisch ausgeschöpft. Es musste auch auf die Herausforderung durch das Image des Autos eine Antwort gefunden werden, und hier bot sich die Ge­schwindigkeit als Zugpferd besser an als all die anderen, nüchtern anmutenden Mög­lichkeiten. Am Ende der 20er und in den 30er Jahren beflügelten Fantasien und Projek­te zu Schienen-Schnellverkehrsmitteln die Gemüter von Ingenieuren und Utopisten. Als ein Beispiel von vielen sei hier der Schienenzeppelin des weltverbesserischen In­genieurs Franz Kruckenberg genannt, ein Demonstrations-Fahrzeug, das nicht durch Massenleistungsfahigkeit oder Komfort glänzte, sondern durch seine ungewöhnliche Zigarrenform, seine futuristisch anmutende Leichtbauweise und Stromlinienform und - durch den Geschwindigkeitsweltrekord von über 230 km/h - ein riesiger Sprung im Vergleich zur damaligen zugelassenen Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h! Die PR- Kampagne Kruckenbergs in ganz Deutschland verdeutlichte: Auch der Schienenzeppe­lin sollte ein neuartiges Image erhalten, das auf den Säulen des Designs und der Ge­schwindigkeit beruhte. Die zweite modale Konkurrenz: das Flugzeug ab der Mitte des 20. Jahrhunderts Wie bereits der Name von Kruckenbergs Zuggefährt andeutet, handelte es sich um ein technologisch nah an die Luftfahrt angelehntes Design- und Antriebskonzept. Dies leitet über zur zweiten großen Modalkonkurrenz für die Schiene ab den 1960er Jahren: die des Flugzeugs. Das Auto war mittlerweile zum Verkehrsmittel Nummer eins avan­ciert, und dessen Vernetzung und Massenleistungsfähigkeit waren ungleich besser geworden. Das von der Bahn immer eindringlicher vorgebrachte Sicherheitsargument konnte offenbar nicht den gewünschten Erfolg verbuchen konnte. Noch immer war die Bahn aber das schnellste Landverkehrsmittel auf Femstrecken, doch diese Marktnische war nun eben bedroht vom Luftverkehr. Flugreisen sind zwar nicht so bequem, doch sonst erwies sich das Verkehrsmittel, das durch die Einführung des Strahltriebwerks seine ökonomische Reife erreicht hatte, als vollwertiger Konkurrent auf dem Femreise- segment der Bahn. Auch hier kommt neben dem Aufholen im Bereich der Kriterien der Verkehrswertigkeit das Image der Luftfahrt seit ihrer Pionierzeit als etwas Neuartiges und Exklusives hinzu. 325

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