Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Rainer Leitner: Eisenbahn-Maschinenfabriken: Orte des Technologietransfers im 19. Jahrhundert

Eisenbahn-Maschinenfabriken: Orte des Technologietransfers im 19. Jahrhundert chen, auch Schwartzkopff und Borsig konnten sich in die Reihe der Lieferanten ein- gliedern, Henschel dagegen kam in auffallender Weise nie zum Zug, während kleine Erzeuger wie Wöhlert/Berlin oder Hagans/Erfurt Einzelstücke lieferten. Eine beachtliche Fortentwicklung erfuhr der österreichische Dampflokomotivbau mit der Inbetriebnahme der „Ersten Bömisch-Mährischen Maschinenfabrik Prag-Liben“, die durch ihre erstklassigen Bauausführung Weltrang erreichen sollte, ln Böhmen ent­standen bis 1918 zwei weitere Lokomotivfabriken, nämlich die Firma „Breitfeld, Da- nek & Co.“ in Schlany bei Prag und die Lokomotivabteilung der Skodawerke in Pilsen. 3.2. Die Ära John Haswell Er gilt unbestritten als der Pionier des österreichischen Lokomotivbaues schlechthin. John Haswell (1812-1897) entwarf 1837 auf Veranlassung des Eisenbahningenieurs Matthias Schönerer die Reparaturwerkstätte der Wien-Raaber-Bahn, aus der die Ma­schinenbauanstalt der Staatseisenbahngesellschaft entstand. Nach deren Inbetriebnah­me war Haswell viele Jahrzehnte hindurch ihr oberster Planer und Leiter. Sein Ver­dienst war es, die Normalien der englischen bzw. amerikanischen Lokomotiven, die aus den englischen, amerikanischen und anderen ausländischen Werken stammten, für die österreichischen Verhältnisse zu adaptieren und darauf aufbauend gänzlich neue Wege der Konstruktion zu beschreiten. So kamen beispielsweise die ersten brauchbaren Lo­komotiven für den Semmering von den Maschinenfabriken Cockerill in Seraing und Kessler in Esslingen aus dem Jahr 1853/54, die Entwürfe stammten von Wilhelm Frei­herr von Engerth (1814-1884), der später Professor am Grazer Joanneum war, im Jahr der Eröffnung der Semmeringbahn allerdings als Zentraldirektor für Zugförderungs­und Werkstättenwesen der eben gegründeten Staatseisenbahn-Gesellschaft wirkte. Wirklich alltagstauglich wurden die Engerth-Maschinen allerdings erst, nachdem Has­well sie umgebaut12 * * 15 und in einer Nachlieferungsserie aus dem Jahr 1854 die Steuerung der Dampfzylinder vollkommen neu konstruiert hatte.1' Die Bedeutung Haswells beschränkte sich nicht auf die Donaumonarchie, er wurde wegweisend für den gesamteuropäischen Lokomotivbau - es würde hier den Rahmen sprengen, auf die Fülle seiner Kreationen und Innovationen auch nur überblicksartig 12 Engerths Konstruktion stellte einen Dreikuppler, bei dem die Tenderachsen untereinander gekuppelt und durch Ketten angetrieben waren, dar. Aufgrund der engen Radien der Semmeringbahn bewährte sich dieses Konzept nicht, der Kettenantrieb musste bald ausgebaut werden. Haswell konstruierte den Dreikuppler in einen Vierkuppler ohne angetriebene Tenderachsen um. 15 Die Lokomotive 8, S. 259-261. 289

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