Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Rainer Leitner: Eisenbahn-Maschinenfabriken: Orte des Technologietransfers im 19. Jahrhundert

Rainer Leitner einzugehen (Schalengussräder, Stehkessel mit Dom, Verbesserungen an der Steuerung, Zylinderanordnung u.v.m.).14 3.3. Die Ära Karl Gölsdorf Karl Gölsdorfs (1861-1916) Karriere begann 1893, als er in das Konstruktionsbüro der k. k. österreichischen Staatseisenbahngesellschaft eintrat. Hier sowie im neu ge­gründeten Eisenbahnministerium fand Gölsdorf im Ingenieurkorps, das unter der Lei­tung von Ministerialrat Hans Kargl stand, ein kreatives Milieu vor, das ihm die Umset­zung seiner Pläne erleichterte. Gölsdorf war in Sachen Eisenbahntechnik gewisserma­ßen vorbelastet: Sein aus Sachsen stammender Vater Louis Adolf Gölsdorf (1837- 1911) leitete von 1885 bis 1908 die Maschinenfabrik der Südbahngesellschaft und hatte sich gleichermaßen einen Ruf als hervorragender Betriebspraktiker wie auch als Lokomotivkonstrukteur erworben. Karl Gölsdorf zählt zu den einflussreichsten und bedeutendsten österreichischen Lo- komotivkonstrukteuren. Seine Kreationen wirkten auf den Lokomotivbau in ganz Eu­ropa und teilweise auch in Übersee. Bekannt geworden ist er durch die Konstruktion der ersten fünffach gekuppelten Lokomotive mit seitenverschiebbaren Achsen und Antriebsgestänge - übrigens ein gutes Beispiel für Technologietransfer: Gölsdorf hatte nämlich die These der Kurvenläufigkeit mehrfach gekuppelter Lokomotiven von Ri­chard von Helmholtz, dem Chefkonstrukteur von Krauss & Co. in München, der diese 1884 veröffentlicht hatte, übernommen und durch jene von Haswell aus dem Jahr 1854 vereinigt - somit war eine Kupplung bis zu sechs Antriebsachsen möglich geworden. 1900 wurden diese neuen Erkenntnisse in der Floridsdorfer Lokomotivfabrik durch den Bau der Lokomotivreihe 180 in die Tat umgesetzt. Mit dieser Maschine konnten problemlose engste Kurvenradien durchfahren werden, ihre bisher ungekannte Zug­kraft erlaubte in der Ebene die Einsparung einer stattlichen Anzahl von Lokomotiven, im Gebirge aber überhaupt erst die wirtschaftliche Beförderung von Zügen großen Gewichts. Das höchste technische Ansehen erlangte Gölsdorf durch die Konstruktion seiner Vierzylinder-Verbundmaschinen, die in leistungsmäßiger, wärmetechnischer und wirkungsgradmäßiger Hinsicht alles bisher Existente in den Schatten stellten. Mit Karl Gölsdorf erreichte der Dampflokomotivbau in Österreich-Ungarn seinen Höhepunkt, 14 Vgl.: Steffan, Hans: Haswell und die Anfänge des österreichischen Lokomotivbaues. I. Ein Ge­denkblatt anläßlich der 20. Wiederkehr seines Todestages, ln: Die Lokomotive, 14 (1917), S. 117-133. Steffan, Hans: Haswell und die Anfänge des österreichischen Lokomotivbaues. II. In: Die Lokomo­tive 14(1917), S. 147-155. 290

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