Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

IV. Die Eisenbahn-Technik / Railway-technics - Rainer Leitner: Eisenbahn-Maschinenfabriken: Orte des Technologietransfers im 19. Jahrhundert

Rainer Leitner 3.1. Die Anfänge Als 1837 die Kaiser Ferdinands-Nordbahn ihren Betrieb aufnahm, mangelte es im Kaisertum Österreich - wie überall am Kontinent - in jeder Hinsicht völlig an eisen­bahntechnischer Erfahrung. Demgemäss stammten die ersten Generationen österreichi­scher Lokomotiven auch ausschließlich von englischen und amerikanischen Herstel­lern", aber schon bald - 1838 - lieferte auch Cockerill aus Seraign bei Lüttich/Belgien Lokomotiven für die Kaiser Ferdinands-Nordbahn und ab 1851 auch für die Staats­bahn. Die erste Lokomotive in Österreich war die ,Austria“; diese unternahm im No­vember 1837 auf der Kaiser Ferdinands-Nordbahn ihre ersten Fahrten. Österreich entwickelte im Vergleich mit Deutschland, das zu den führenden Ländern der Industriellen Revolution zählte, früher eine heimische Lokomotivproduktion. Eine führende Position nahm dabei die Maschinenfabrik der Wien-Raaber-Bahn ein, die ab 1840 eine große Zahl Wagons und in den folgenden Jahren die ersten Lokomotiven lieferte. Die erste in Österreich gebaute Lokomotive entstand gleichfalls im Jahr 1840 in der Werkstätte der Nordbahn. Der englische Ingenieur John Baillie (1806-1859) konstruierte die „Patria“ nach englischen Vorbildern, sie blieb bis zum Jahr 1862 in Verwendung. 1842 begann Wenzel Günther (1812-1870) in Wiener Neustadt, kurze Zeit später folgte hier Georg Sigl (1811-1887), dessen Fabrik sich in absehbarer Zeit zu einem anerkannten Produzenten entwickelte. Daneben entstammte so manche inte­ressante Neukonstruktion auch den bahneigenen Werkstätten - etwa den Werkstätten der Nordbahn in Floridsdorf, der Staatseisenbahngesellschaft sowie der Kaiserin Elisa­beth-Bahn. In den Fünfzigerjahren des 19. Jahrhunderts ergab sich auch für ausländi­sche Konkurrenten die Möglichkeit, nach Österreich zu liefern, da die heimischen Pro­duktionsanlagen den steigenden Bedarf nicht abdecken konnten. So lieferten beispiels­weise Kessler in Esslingen und Maffei in München. Die Lokomotivfabrik Krauss belie­ferte mit ihren beiden Münchener Werken ab 1869 den österreichischen Markt; als prohibitive Zollschranken das Österreich-Geschäft empfindlich zu stören drohten, er­richtete man 1880 eine eigene Liliale in Linz. Die Floridsdorfer Lokomotivfabrik war schon 1871 mit tatkräftiger Unterstützung leitender Beamten der Nordbahn entstanden. Gelegentliche Aufträge, meist für Privatbahnen, konnte Hartmann in Chemnitz verbu- * " So lieferte beispielsweise Stephenson selbst, daneben Rennie, Turner & Evans, Atlas aus Manchester, Dubs aus Glasgow, eine geringe Stückzahl stammte von Avonside sowie von Beyer & Peacock. Eine der ersten Lokomotiven in Österreich war die „Philadelphia“, nach der übrigens die Philadelphia- Brücke in Wien benannt ist. Diese Lokomotive, 1837 von der Firma Norris in Philadelphia/USA ge­baut, wurde von Matthias Schönerer anlässlich einer Nordamerikareise 1838 bestellt. Im Zusammen­hang mit der Gründung der Wien-Raaber-Eisenbahn 1837 kam sie im Jahr 1839 nach Wien und absol­vierte im Raum Meidling ihre ersten Probefahrten. 288

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