Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Peter Wilding: „…dass wir auf der Bahn des Fortschrittes und der Culturentwicklung gerade und vornehmlich durch die Eisenbahnen ganz ungeheuer rasch vorangeschritten sind…“ - Netzwerk Eisenbahn und Knotenpunkt Stadt
der einzelnen Städte. Und die großen Privatbahngesellschaften waren von Wirtschaftsinteressen rivalisierender Städte beherrscht.* II * * * 15 Für die öffentliche Meinung und das allgemeine Empfinden wurde die Eisenbahn zum Symbol der modernen Technik. Die Eisenbahn bedeutete nicht nur den Übergang in die Moderne im Verkehrswesen16, sondern galt als neues „Paradigma des technischen Fortschritts“: es handelt sich um einen Fortschritt des radikalen Neuanfangs, ein Fortschritt zur großen Maschine, zur großen Kraftkonzentration und zum vernetzten System - ein Fortschritt, der sich seinen Bedarf selber schuf, aber zunächst mit hohem ökonomischem und technischem [sic.] Risiko verbunden war.1' Mit dem Verkehr in engem Zusammenhang steht die Entwicklung der Kommunikation. Den Eisenbahnen fiel die Kommunikation zwischen den Städten zu - genau wie es die Visionäre um 1830 vorhergesehen hatten. Und die Verbreitung der Kommunikation war von den neuen Verkehrsmitteln abhängig. Wie sehr die Leistung der Raum-Überwindung dem 19. Jahrhundert bewusst war, ersieht man an dem Stellenwert, den man den Kommunikationsmitteln im offiziellen Selbstverständnis einräumte.'* Eisenbahnen wurden von den Zeitgenossen großteils als Träger der Kommunikation, Migration, Urbanisierung begrüßt. „Die Trias Eisenbahn, Dampfschiff, Telegraph wurde immer wieder als Repräsentant des industriellen Fortschritts proklamiert.“15 Auch die Weltausstellungen, die bereits ihrer Definition nach den modernen Weltverkehr voraussetzten, exponierten die Kommunikationsindustrien an hervorragender Stelle.211 ...dass wir auf der Bahn des Fortschrittes und der Culturentwicklung. .. 15 Es waren u. a. Bürgerkomitees, die als erste die revolutionären Ideen eines neuen Transportmittels aufgriffen und daraus konkrete Projekte schmiedeten. Sie entstanden in fast jeder größeren Stadt. Roth, Ralf: Vom Adler zum ICE. ln: DAMALS 7 (2001), S. 14-21, hier S. 16. 16 Vgl. dazu Zorn, Wolfgang: Verdichtung und Beschleunigung des Verkehrs als Beitrag zur Entwicklung der „modernen Welt", ln: Studien zum Beginn der modernen Welt, hrsg. von Reinhart Koselleck. Stuttgart 1977 (Industrielle Welt 20), S. 115-134. II Radkau, Joachim: Technik in Deutschland. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Frankfurt am Main 1989, S. 139. III „Die Vorstellung, dass Kommunikation, Austausch, Bewegung den Fortschritt und die Aufklärung der Menschheit bedeuten und dass Isolation und Abgeschlossenheit die zu überwindenden Hindernisse auf diesem Weg seien, ist so alt wie die bürgerliche Neuzeit. Die bürgerliche Kulturentwicklung der letzten drei Jahrhunderte lässt sich in engem Zusammenhang mit der realen Verkehrsentwicklung verstehen." Schivelbusch, Wolfgang: Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert. Frankfurt am Main 1989, S. 173. 15 E b e n d a, S. 171. 211 Zu den Weltausstellungen vgl. Kretschmer, Winfried: Geschichte der Weltausstellungen. Frankfurt am Main-New York 1999. 195