Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Peter Wilding: „…dass wir auf der Bahn des Fortschrittes und der Culturentwicklung gerade und vornehmlich durch die Eisenbahnen ganz ungeheuer rasch vorangeschritten sind…“ - Netzwerk Eisenbahn und Knotenpunkt Stadt

Peter Wilding Die Eisenbahnen bewirkten nicht nur eine Veränderung bisher gültiger Wahmehmungsweisen.2' Durch die mehrfache Revolutionierung der Verkehrsmittel im 19. Jahrhundert haben sich auch die Möglichkeiten, städtischen Raum und städtisches Leben zu erfahren, in vielfältiger Weise verändert. Das Massentransportmittel der Eisenbahn beendete die Exklusivität des Reisens der Wenigen und eröffnete den Vielen in völlig neuartiger Weise Wege, Distanzen zu überwinden und bis dahin fremdem städtischen Leben zu begegnen. Damit verwandelte sich mit der vermehrten Möglichkeit des Reisens auch das Bewusstsein von Stadt.21 22 * Auch die Reiseaktivitäten selbst haben sich erheblich verändert.22 Es gab verschiedene Gründe für das Reisen: von Familienausflügen und Verwandtschaftsbesuchen über Bäder- und Bildungsreisen bis hin zur „Reise in die Moderne“ zu neuen städtischen und technischen Einrichtungen. Die „Reise in die Moderne“ wurde nicht nur, wenn irgend möglich, mit den neuen technischen Transportmitteln, mit Eisenbahn und Dampfschiff bewältigt - ihr Ziel war die direkte Begegnung mit der neuen Technik. Vor allem England war das Mekka des Techniktourismus, das die Besichtigung neuer Fabriken und Brückenanlagen, neuer Maschinen und Werften einschloss. Die Faszination durch die Technik blieb keineswegs auf die einschlägig beruflich interessierten Ingenieure und Maschinenbauer beschränkt.24 21 Schivelbusch: Geschichte der Eisenbahnreise, insbesondere S. 51-66. 22 Mohrmann, Ruth-E.: Stadterfahrung und Mentalität. In: Stadt und Verkehr im Industriezeitalter, S. 261-275, hier S. 262. In seiner vielzitierten Eisenbahnstudie beschreibt Wolfgang Schivelbusch umfassend die zahlreichen kulturhistorischen und mentalitätsgeschichtlichen Fragen des Eisenbahnreisens, von der panoramatischen Wahmehmungsweise bis zur Parallelität von Eisenbahn und Warenhaus. Als Folge der neuen Geschwindigkeit der Eisenbahn sieht er die Dialektik von „Raumverkleinerung" (als zeitliche Verkürzung) und „Raumerweiterung'' (als Erweiterung des Verkehrsraums). Schivelbusch: Geschichte der Eisenbahnreise, S. 37. Die panoramatische Wahrnehmung beschreibt Schivelbusch als „Wahrnehmung auf der Basis eines bestimmten Entwicklungsstandes der Warenzirkulation, dem ein ebenso bestimmter Stand der Technik, der Verkehrstechnik, des Einzelhandels usw. entspricht." Ebenda, S. 170. 21 Der Großteil des Bahnverkehrs der Anfangszeit war Vergnügungs- und Ausflugsverkehr. Vergnügungsfahrten auf der Südbahn und über den Semmering wurden z. B. zum großen Reiseschlager. Weis, Helmut J.: Züge nach Wien. Die Stellung Wiens im Eisenbahnfemverkehr ln: Beiträge zur historischen Sozialkunde 2 (1987), S. 45-51, hier S. 46. Sandgruber, Roman: Wir fahren mit der Eisenbahn. Das Jahrhundert der Bahn. In: Beiträge zur historischen Sozialkunde 2 (1987), S. 41-45, hierS. 44. 24 Mohrmann: Stadterfahrung und Mentalität, S. 271. Für den „normalen” technikinteressierten Reisenden blieben die Technikimpressionen deutlicher auf die Städte beschränkt: der Themsetunnel und die Londoner Gasbeleuchtung, die Schiffdocks und modernen Hafenanlagen, dies waren bleibende 196

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