Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Gerhard Strohmeier: Eisenbahn und Raumwahrnehmung
Gerhard Strohmeier Abbildung I: Thomas P. Otter, On the Road, Ölgemälde, 1860. The Nelson Atkins Museum of Art, Kansas City, USA. Die alte Straße war daher wenig geeignet, für den raschen Transport großer Mengen von Gütern. Klagen über schlechte Straßen, die verlangsamte Fahrt durch Städte, die Gefahr von Unfällen beim Transport schwerer Güter, waren bereits im 18. Jahrhundert Zeichen einer sich anbahnenden Veränderung des öffentlichen Raums der alten Straße; sie zeigten neue Ansprüche an Verkehrswege. Die Schiene, die Schienenbahn, war die radikalste Form, in der diese Ansprüche Ausdruck fanden. Flerausgehoben aus den verschiedenen, der Geschwindigkeit des Transports hinderlichen Aktivitäten, wurde Mobilität von den anderen Funktionen des öffentlichen Raums separiert; sie erhielt einen eigenen abgetrennten Raum. Mit der Schienentechnik wurde aus dem Bergbau eine Technik in den Verkehr übertragen, die die neue Straße hervorbrachte. Schienen, die für den Transport von Gestein auf Wagen eingesetzt wurde, zeigten sich als Unterbau für Wagen, für den Transport schwerer Güter besser geeignet als die Straße. Eine von der Natur unabhängige, ebene und gerade Schienenbahn wurde für die „reine, abstrakte Bewegung“ der Eisenbahn geschaffen und führte zur monofunktionalen neuen Straße, herausgehoben als eigener Raum beschleunigter Bewegung. 180