Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Silke Satjukow: Die Kulturgeschichte der Bahnhofstraße

Die Kulturgeschichte der Bahnhofstraße nicht zu gefährden. Somit bewirkte der Festakt - zumindest kurzzeitig - die Selbstdisziplinierung jener, die sich dem Streben der Gruppe nur partiell oder gar nicht verbunden fühlten. Als „Medium der rituellen Integration“1' hatten diese Feste dabei immer auch eine sozialdiskriminierende Funktion, insofern sie sich nie auf die gesamte Bevölkerung bezogen, sondern immer nur auf die eigene Gruppe.17 18 Damit ihre politische Orientierungskraft möglichst wirkungsvoll vermittelt werden konnte, grenzten die Initiatoren Andersdenkende aus und versuchten, die Menge der Zufallsteilnehmerinnen durch disziplinierende Vorbereitungen gering zu halten.19 Das Zusammengehen bürgerlicher Verantwortlicher mit Veteranenverbänden, Vereinen und Schulen, ausgiebige Pressearbeit im Vorfeld und die Freistellung von der Arbeit mit dem Hinweis auf die Teilnahmepflicht dienten dem Zweck, möglichst viele Gruppenmitglieder zu rekrutieren. Zeitigten die Mühen der lokalen Honoratioren Erfolg, konnten die Feste für sie selbst Foren sein, den Versammelten politische Programme zu vermitteln und nicht zuletzt, eigene Aufstiegswünsche zu forcieren. 17 Johanek, Peter: Feste und Integration. In: Feste und Feiern im Mittelalter, hrsg. von Detlev Altenburg. Sigmaringen 1991, S. 526. 18 Die organisierte Arbeiterschaft veranstaltete seit den 90er Jahren eigene Feste und schuf damit die Möglichkeit, eine spezifisch andere kulturelle und soziale Identität zu erwerben, zu stabilisieren und nach außen zu demonstrieren. Anlässlich der März-, Lassalle- und Maifeiern konnten sie ihren politischen Zielen symbolisch Ausdruck verleihen und machten es den potentiell Dazugehörenden möglich, sich durch Teilnahme bzw. Nichtteilnahme zu den propagierten Zielen zu bekennen oder diese abzulehnen. Dabei blieben der formale Ablauf, die Elemente der Ausgestaltung, die geselligen Begleiterscheinungen und die öffentlichen Aufzüge denen der bürgerlichen Festkultur sehr ähnlich. Einzig, dass sie, anders als die bürgerlichen Akteure, überwiegend stadtraumperipher agierten. Bis zum Beginn des Weltkrieges marschierten sie (selbst in Industriestädten wie Chemnitz und Flannover) nur durch die traditionellen Arbeiterviertel und mieden bewusst das vom Stadtbürgertum besetzte Zentrum, um am Ende in auswärts gelegenen, billigen Lokalen zu feiem. 19 Es bedurfte immer weniger Maßnahmen, weil die Ritualelemente bürgerlicher Feste weitgehend unverändert blieben. Außerdem fanden sie frühzeitige Ankündigung, um die Bevölkerung erfolgreich auf das Kommende einzustimmen: Jedes Fest wurde „eingeläutet", ob durch den morgendlichen Zapfenstreich, Böllerschüsse, Kirchenglocken oder Liedgesang; der Festzug, der meist die gleichen Straßen frequentierte und der einem festen, lange zuvor durch „Marschordnungen" bekannt gemachten Aufbau folgte; die „Stellplätze“ der sozialen Gnippen, die meist die gleichen blieben; der Kern jeder Feier, die Ansprache (oft komplettiert durch die Weiherede eines Geistlichen), die den Sinn der Veranstaltung verkündete; Gesang immer derselben Lieder bildeten neben farbintensiven Symbolen wesentliche sinnliche Elemente. Die Ordnung der Feste entsprach der von den Teilnehmerinnen gewünschten Ordnung ihres Lebens und stemmte sich somit gegen die Unübersichtlichkeit jener Epoche. Radkau, Joachim: Die wilhelminische Ära als nervöses Zeitalter, oder: Die Nerven als Netz zwischen Tempo- und Körpergeschichte, ln: Geschichte und Gesellschaft 20 ( 1994), S. 211 -241. 171

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