Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Silke Satjukow: Die Kulturgeschichte der Bahnhofstraße

Silke Satjukow Auftritte als Redner förderten das soziale Ansehen und die Mitarbeit in den Denkmalkomitees wurde in der Regel bei der Einweihung mit Orden oder zumindest mit Lobreden höher Gestellter bedacht. Rückkehr zum Weimarer Prachtempfangsraum - Die Sophienstraße Was bedeuteten diese nationalen Entwicklungen im Leben der Menschen. Die anfänglich zitierte Weimarer Bahnhofstraße soll hier wiederum als signifikantes Beispiel dienen. Als am 22. Oktober 1842, vier Jahre bevor die erste Eisenbahn in Weimar einfuhr, das Großherzogpaar Carl Alexander und Sophie frisch vermählt in die Residenz einzog, hatten die städtischen Veranstalter das Erfurter Tor zum Prachtempfangsraum geformt. Die Straße flankierten damals „wallende Menschenmassen, die aus Nah’ und Fern herbeizogen, um den geliebten Fürstensohn mit Seiner hohen Gemahlin zu begrüßen“.2" Nun, im Jahr 1910, kamen ihre Nachfolger Wilhelm Emst und Feodora am Bahnhof an. Oberste Vertreter des Hofes, des Staates und des hier stationierten Regiments erwarteten das Paar am Perron. Die Stadt hatte einen eigenen Ort der Selbstdarstellung gewählt: die kommunalen Behörden standen unter der Ehrenpforte am Bahnhofsvorplatz, der hier Jubiläumsplatz hieß.* 21 Diese Ehrenpforte bildete für diesen großen Tag das prunkvolle, 16 Meter hohe „Tor zur Stadt“. Eine Frauengestalt, ähnlich der Vimaria, der Schutzgöttin der Stadt, hielt die Arme empfangsbereit empor, eingebettet in Tannengrün des Thüringer Waldes und in Symbolen alter Handwerkstraditionen. Eine überdimensionale Fürstenkrone schmückte ihr Haupt. Hoch oben schien diese eher ein Dach zum Schutz zu sein als dass sie erdrückend wirkte. Hier begrüßte der Oberbürgermeister die Einziehenden und sprach aus, was die Pforte ikonographisch weithin sichtbar machte: 211 Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar (ThHStAW), Hauptmarschallamt 2 650. 21 Der Gemeinderat hatte anlässlich des 25jährigen Regierungsjubiläums 1878 die „Herstellung eines Platzes der Stadt” beschlossen. Nicht irgendeiner, sondern der „freie Platz am Bahnhof', den bereits Baupläne der 50er Jahre und auch das Ortstatut von 1864 zur städtischen Sache erklärt hatten, sollte kommunale Selbstbilder repräsentieren. Noch im Jahr 1878 wurde der von Armin Skell konzipierte „Jubiläumsplatz”, geschmückt von Grünanlagen und Springbrunnen, fertiggestellt. 172

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