Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Silke Satjukow: Die Kulturgeschichte der Bahnhofstraße

Silke Satjukow Nach Willen bürgerlicher Initiatoren14 sollten die vielfältigen Festvarianten den im neugegründeten Staat lebenden und nach Integration und positiven Zukunftsperspektiven dürstenden Menschen ein kollektives Bewusstsein vermitteln, das von gemeinsamen Vorstellungen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geprägt war. Für diese Selbstvergewisserung mussten die Bürgerinnen zwar einen Teil ihrer Individualität preisgeben, doch vollzog sich der Verlust meist willentlich und im vollen Bewußtsein, stattete das politische Fest den Teilnehmer doch mit neuen Bewußtseinsaspekten aus, [verlieh] ihm Solidarität und kollektive Identität, indem ihm das Gemeinschaftserlebnis die Einbindung in eine ihm politisch und sozial nahestehende Gruppe garantierte. Gemeinsame Leitbilder [forderten] Rollengewißheit und die Ausbildung eines stabilen Bewußtseins, das die Orientierung in der Gesellschaft und innerhalb der eigenen sozialen Gruppen erleichterte. Loyalität [war] die Gegenleistung, die das Individuum der Gruppe zu leisten sich bereit erklärte.15 Daneben schuf das gemeinsam verbrachte Fest bedingt Nähe, Vertrautheit, Stabilität und somit Sicherheit in einer rastlosen, sich immer weiter ausdifferenzierenden Gesellschaft. Das gemeinsame Erlebnis im Kreise Gleichgesinnter konnte - wenn auch nur sehr begrenzt - für einen kurzen Augenblick alltägliche Hierarchien aufheben und vermittelte so die Gewissheit, dass alle letztlich an einem gemeinsamen Strang zogen. Hier war man „unter sich“ beziehungsweise - im Sinne eines Aufstiegs - gehörte man dazu. Hier spielten Dimensionen der Macht und die sie begleitenden Gefühle der Großartigkeit und Überlegenheit eine große Rolle wie auch, davon wird hier ausgegangen, eine grundsätzliche Bereitschaft „nach oben” und eine Abgrenzung „nach unten“.16 Jene, die sich eigentlich abweichend positionieren wollten, zeigten sich in dieser Situation häufig bereit, im Verband auszuhalten, um die „gemeinsame Sache“ 14 Deren Basis waren die lokalen Vereine. Ob ein Fürsten- oder Kaisergeburtstag, der Sedanstag oder ein anderes Ereignis bevorstand, immer zeigten sich einer oder mehrere Vereine bereit, bei der Ausgestaltung hilfreich zur Seite zu stehen oder gar selbst das Fest zu organisieren. Sie bildeten dann „Festkomitees“, welche sich, meist um ideelle und finanzielle Unterstützung bittend, an die städtischen Gremien bzw an den Landesfiirsten wandten. Indem sie die Legitimierung der städtischen, staatlichen oder monarchischen Macht forcierten, hatten sie Anteil an ihr. 15 Schneider, Gerhard: Politische Feste in Hannover (1866-1919). Politische Feste der Arbeiter. Hannover 1995, S. 41. 16 Das Bedürfnis nach Distinktion gegenüber den unteren sozialen Schichten bedeutete allerdings nicht den vollständigen Ausschluss jener Gruppen. Inwieweit die Arbeiterschaft trotz sozialdemokratischer Gegenagitation kamen, um wenigstens kurzzeitig am Glanz der „besseren Gesellschaft“ teilzuhaben, und - jenseits der Abgrenzungen - als Kulisse für den beschriebenen „Massebedarf“ geduldet wurden, kann empirisch kaum ermittelt werden. Zudem zählten zahlreiche Vereine und besonders die Kriegergemeinschatfen Arbeiter zu ihren Mitgliedern, so dass diese an öffentlichen Auftritten ganz selbstverständlich teilnahmen. Sowohl die bürgerliche als auch die sozialdemokratische Presse übergingen die eigenen kurzzeitig „Abtrünnigen" aus begründetem Eigenmteresse schweigend. 170

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