Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Silke Satjukow: Die Kulturgeschichte der Bahnhofstraße

Silke Satjukow Besonders in Zeiten einer als bedrohlich empfundenen Umwelt versuchen die Menschen, verloren geglaubten, sicheren Raum zurück zu erobern.2 Die umfassenden gesellschaftlichen Umbrüche im Verlauf der Industrialisierung im 19. Jahrhundert bedeuteten ein solches chaotisches Moment. Im Ergebnis territorialer Verteilungskämpfe entstanden hier - und gerade mit der Bahnhofstraße - neue Orte, in denen sich monarchische und zunehmend auch bürgerliche Machthaberinnen durch eigene Symboliken zu bestätigen suchten. In diese präsentativ-symbolischen Räume luden sie ausgewählte Mitglieder der Gesellschaft zur Teilhabe an dieser Macht ein, was diesen zum einen die Möglichkeit der Selbstversicherung durch die eigene Positionierung gab und zum anderen ein Gefühl des Aufgehobenseins vermittelte.’ Eng damit verbunden war eine Abgrenzung gegenüber jenen, die die gerade erworbene Macht gefährdeten. Die „Anderen“ eigneten sich als Projektionsziel latenter und manifester Aggressionen, deren Ursachen in tief greifenden Veränderungen familialer Strukturen und Mechanismen von Persönlichkeitsformung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft lagen. Beides, Selbstversicherung und Abgrenzung, geschah in enger Verbindung mit der Aneignung und Gestaltung städtischen Terrains. Natürlich gab es schon vor der Industriellen Revolution Praktiken, dem menschlichen Streben nach sichernden Räumen entgegenzukommen. So prägte die mitteleuropäische vorabsolutistische Stadt einst ein zentral-peripheres Gefälle, nachdem sich politisch und ökonomisch führende Gruppen am Marktplatz und entlang der Hauptverkehrs- und Ausfallstraßen ansiedelten. Dabei regelten sich innerstädtische Differenzierungen zum 2 Der von dem Psychologen Anthony Fry geprägte Begriff des safe space meint die subjektive Hrfahrung des Individuums, von einem sicheren Lebensraum umgeben zu sein. Fry definiert ihn als ..space of en­vironment whose qualities permit certain systems to operate. A safe space is therefore not only a space where conditions are good enough for the system that occupies it, but a space that is free of any threat­ening or damaging process that might eventually interfere with the system’s operation.” Dabei kommen diesem sicheren Lebensraum nicht nur in der Kindheit, sondern auch beim Erlangen psychischer Reife im Erwachsenenalter Bedeutung zu. Fry , Anthony: Safe space. How to survive in a threatening world. London 1987, S. 33. ’ In Krisensituationen wächst das Bedürfnis nach einer Stärkung der Gruppenidentität in besonderem Maße, was mit dem Erleben von Machtlosigkeit und Verwundbarkeit angesichts einer bedrohlichen Lebenssituation zu erklären ist. Die Wahrnehmung der eigenen Person als separates Individuum schwächt sich ab zu Gunsten des Gefühls, durch die Identifikation mit einer Gruppe Teil eines größeren Ganzen zu werden. Jordan, Thomas: Territorialität und ihre Funktionen in Konflikten. Eine psychogeographische Betrachtung, ln: Identität, Aggressivität, Territorialität. Zur Psychogeographie und Psychohistorie - des Verhältnisses Subjekt, Kollektiv und räumliche Umwelt, hrsg. von Peter Jüngst. Kassel 1996 (Urbs et Regio 67), S. 35-75 162

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