Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Silke Satjukow: Die Kulturgeschichte der Bahnhofstraße
Die Kulturgeschichte der Bahnhofstraße einen über unterschiedliche Zahlungsfähigkeiten und zum anderen über ’’Normen des Prestiges, Normen einer gegebenen oder beanspruchten sozialen Rangstellung wie auch der anerkannten Standesordnung”.4 Diese Machtkonzentration im städtischen Kernbereich aber, seine präsentativ-symbolische Gestaltung - die prächtigen Patrizierhäuser, die Kirche, das Rathaus, die Brunnen und Standbilder - boten der Stadtgemeinschaft Aufgehobensein und minderte in Krisenzeiten Existenzängste. Später, während des Absolutismus, weichte vor allem in Residenzstädten das etablierte sozial-räumliche Gefüge auf. Nun versuchten die Landesfürsten, aktiv in den Bodenmarkt einzugreifen. Widerstände vorhandener Strukturen städtischer Gemeinschaft allerdings schienen ein Grund dafür gewesen zu sein, dass absolutistische Herrscher eher in den Randbereichen seitlich zur engen Altstadt bauen ließen. Die symbolische Generierungsmacht dieser neuen, am Schloss orientierten Stadtteile förderte nun den Zuzug höherer Bediensteter des Herrschafts- und Verwaltungsapparates. Die räumliche Nähe zum Machthabenden versprach die Möglichkeit der Orientierung nach oben und zugleich ein Moment der Dazugehörigkeit. Auch die neuen, bürgerlichen Bauherren des 19. Jahrhunderts konnten kaum noch auf das traditionelle Stadtzentrum zurückgreifen. Die engen und verzweigten Straßen der Altstadt schränkten die Zugänglichkeit zu den Grundstücken ein, was jeden Abriss und Neubau wie auch die Versorgung mit Strom und Wasser extrem kostspielig werden ließ. In Anbetracht der schwierigen Grundbesitzverhältnisse erwies sich hier der Erwerb größerer Areale sowieso als fast unmöglich. Und nicht zuletzt mieden seriös auftretende Firmen sowie auf Ansehen bedachte Privatpersonen diesen zunehmend stigmatisierten Ort der Armut, des Verbrechens und der Prostitution. Bürgerliche Bauherren beanspruchten nun - in Konkurrenz oder auch im Einvernehmen mit dem monarchischen Herrscher - exponiertes Bauland, das vornehmlich zwischen dem oft peripher gelegenen Bahnhof und der Stadtmauer zu finden war. Nach dem Willen der immer umfassender mit kommunalpolitischen Kompetenzen versehenen Stadtelite entwickelte sich bald eine neue „Mitte“, die die alte ergänzte, die in einigen Fällen sogar geeignet war, die historisch gewachsene zeitweilig oder dauernd in den Hintergrund zu drängen. So verlagerten sich die Stadtzentren - in Chemnitz mit der Königsstraße, in Wiesbaden mit dem neuen 4 ... ... Denecke, Dieter: Sozialtopologische und sozialräumliche Gliederung der spätmittelalterlichen Stadt, ln: Über Bürger, Stadt und städtische Literatur im Spätmittelalter, hrsg. von Josef Fleckenstein, Karl Stackmann. Göttingen 1980, S. 153-171, hier S. 167. 163