Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Silke Satjukow: Die Kulturgeschichte der Bahnhofstraße
DIE KULTURGESCHICHTE DER BAHNHOFSTRAßE Silke Satjukow Silvester vor der propagierten Jahrtausendwende kamen 15 000 Menschen vor dem Weimarer Hauptbahnhof zusammen, um sich als künftige europäische Kulturstadtbürger zu feiern. Viele von ihnen warteten bereits seit Stunden in eisiger Kälte darauf, dass eine französische Gauklergruppe mit Musik, Tanz und Akrobatik die bekannte Geschichte vom Kampf zwischen Gut und Böse erzählte. Die meisten der entlang der gerade restaurierten Weimarer Prachtstraße vom Bahnhof in die Altstadt dicht an dicht gedrängten Zuschauerinnen sahen später nichts von dem auf ebener Erde veranstalteten Spektakel, sie konnten auch kaum die Trommler ausmachen, die sich im Licht der Suchscheinwerfer einen Weg durch die Massen zu bahnen suchten. Dass dies so sein würde, hatten die Weimarerlnnen bereits befürchtet. Dennoch trieb es sie bei Wintertemperaturen weit unter Null aus den komfortablen Innenräumen auf die Straße, um an diesem symbolgeladenen Ort gemeinsam mit Gleichgesinnten dabei zu sein, wenn das Feuerwerk samt seinem Lichterspiel die Ankunft des Kulturstadt-Jahres bejubelte, wobei sie sich selbst als einen herausgehobenen Teil davon verstanden. Das Phänomen, welches die Menschen in Weimar wie in anderen Städten zu allen Zeiten in die Bahnhofstraßen führte,' soll hier als eine Form menschlicher Territorialität verstanden werden. Es handelt vor allem vom Wunsch des Einzelnen beziehungsweise der Gruppe, Räume einzugrenzen, in denen ihnen das Recht zusteht, Regeln zur eigenen Orientierung zu schaffen, Regeln, die ihnen Zugehörigkeit, Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Die Identifikation des Einzelnen mit „seinem“ Territorium, „seiner“ Nachbarschaft, „seiner“ Stadt oder „seiner“ Straße ist ein zentraler Bestandteil von Individualität. Neben Weimar wurden auch Frankfurt am Main, Hannover, Wiesbaden, Chemnitz und Gotha bezüglich ihrer Bahnhofstraßen erforscht. Inzwischen sind die Ergebnisse des Jenaer Forschungsprojektes als Buch erschienen: Satjukow, Silke: Bahnhofstraßen. Geschichte und Bedeutung. Köln-Weimar-Wien 2002. Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs/Sonderband 7 161