Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Ralf Roth: Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt

Ralf Roth des Güterbahnhofs Weißensee“, malte er einen alten Arbeiter und seine Frau, die das Gleisfeld eines Güterbahnhofs in der Nähe von Berlin überqueren. Skarbina zeigt ganz im Gegensatz zu den französischen Impressionisten keine farbenfrohe, helle Anlage des modernen großstädtischen Verkehrs, sondern eine düstere Landschaft mit in Dampf und Rauch gehüllten vorbeifahrenden Güterzügen, die vom Licht der benachbarten Mietskasernen spärlich beleuchtet wird. Die verhärmten Gesichter des Paares spiegeln die bedrückende Unwirtlichkeit und Einsamkeit in diesem Teil der Stadt wider. Mit der Darstellung dieses Arbeiterpaares in einer unpersönlichen, abstoßenden Umgebung führt Skarbina die sozialkritischen Bezüge der zeitgenössischen Diskussion um die negativen Seiten der Großstadt zu einem eindrucksvollen Gemälde zusammen. Noch deutlicher stand Hans Baluschek im Bann der sozial- und umweltkritischen Reflexionen. Er engagierte sich früh in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Nachdem er 1894 an der Königlichen Akademie der Künste in Berlin studierte, bekam er Kontakte zu den Naturalisten um Arno Holz. Baluschek gründete mit zahlreichen anderen Berliner Künstlern 1892 die Berliner Secession und beschäftigte sich wie Skarbina im Laufe seines Lebens fast ausschließlich mit dem Thema der schnell wachsenden Großstadt mit ihren zahlreichen sozialen Problemen. Immer wieder verknüpfte er dabei das Thema „Stadt“ und „Leben in der Stadt“ mit dem Motiv der Eisenbahn. Besonders eindrucksvoll ist die um 1900 entstandene Arbeit „Berliner Landschaft“, auf der in der Morgendämmerung eine Frau einen der zahlreichen Berliner Stadtbahnbögen unterquert und in unwirtlicher Umgebung den grauen „Mietskasernen“ zustrebt. Der gewählte Ort inmitten der Stadt bleibt menschenleer und seltsam öde. Nur der blühende Kastanienbaum in der Bildmitte zeugt vom Leben inmitten der Mietskasernen. Damit erinnerte Baluschek an die immer mehr als Gegensatz empfundene Beziehung von Stadt- und Naturlandschaft.'" In den Eisenbahngemälden der deutschen Impressionisten und später auch der Expressionisten zeigt sich die Ambivalenz des Fortschritts. Auf der einen Seite stand eine gewaltige Palette an neuen Möglichkeiten, die das moderne Verkehrsmittel schuf, auf der anderen Seite wuchsen am Ende des Jahrhunderts die Zweifel an den Andres en, Wibke: Die Darstellung des städtischen Lebens in der deutschen Malerei des späten 19. Jahrhunderts. München 1987, S. 174 f. u. 179. 50 Vgl. Bröhan, Margrit: Hans Baluschek 1870-1935. Berlin 1985, S. 28. Zur Entwicklung des Eisenbahnmotivs in der Kunst vgl. Wein ho Id, Renate: Die Eisenbahn als Motiv der Malerei: Eine Studie zur Bildinhaltskunde des 19. und 20. Jahrhunderts, 1955, S. 95-106. Vgl. auch D e t h i e r, Jean: Die Welt der Bahnhöfe. Berlin 1980, S. 145 ff; Glaser, Hermann Neudecker, Norbert: Die deutsche Eisenbahn. Bilder aus ihrer Geschichte. München, 1984, S. 165; And res en: Die Darstellung des städtischen Lebens, S. 202 f. u. 21 1 f. 158

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