Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Ralf Roth: Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt
Segnungen der neuen Zeit. Der Verlust an natumaher Umgebung und die Ersetzung durch „Stadtlandschaften“ war ein großes Thema der Impressionisten wie der Expressionisten. Die Stadt wurde als ein der Menschennatur nicht mehr adäquates „steinernes Meer“ wahrgenommen. Auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass man in den Motivwelten dieser Werke immer wieder die Eisenbahn findet. Sie war als flächendeckendes Netz allgegenwärtig, aber nicht nur das, sie wurde zurecht auch als Motor dieser Dynamik erkannt und deshalb als Symbol dieser Entwicklung mitten in das Geschehen platziert. Vor dem Hintergrund der avantgardistischen Kulturkritik liest sich eingangs zitierte Warnung des Wiener Eisenbahnkomitees aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor den „sozialen Lasten“ des von den Eisenbahnen beförderten Städtewachstums: den Gefahren der „Centralisation“, dem „Alb der schwer auf dem Lande liegt“ wie ein Vorgriff auf die spätere Zeit. Die Eisenbahnvisionäre nahmen gewissermaßen die Stimmung in weiten Kreisen des Bürgertums am Ende des Jahrhunderts vorweg. Trotz der ungeheuren Ausweitung der technischen Netze und Möglichkeiten zur Überwindung von Raum und Zeit mit Hilfe der Eisenbahn waren große Teile der deutschen und insbesondere der Berliner Intellektuellenszene von einer großen Unsicherheit über die weitere gesellschaftliche Entwicklung geprägt. Eine der Gründe für die Relativierung kultureller Werte, für den verbreiteten Skeptizismus, für den um sich greifenden Wunsch nach einer großen Lebensreform und die „fin de siècle“-Stimmung waren die Folgen der Verstädterung und die sie begleitenden Phänomene wie die großen Binnenwanderungen, das extreme Wachstum der Stadt mit ihren sozialen Problemen und den neuen, fremden Lebensbedingungen in einer doch recht eintönigen Stadtlandschaft. In diesem Zusammenhang änderte sich der Blick auf die Stadt. Sie wurde durch die von den Eisenbahnen hervorgerufenen Verkürzung der Raum- und Zeitdimensionen nicht mehr als fester und in die Natur eingebetteter Ort wahrgenommen, sondern als ein sich permanent veränderndes, oszillierendes und weit in den Raum hinaus reichendes Gebilde, das sukzessive die Naturlandschaft verdrängte und ersetzte. Die Verkürzung von Raum und Zeit durch die Eisenbahn war insofern ein komplexer, wirtschaftliche, soziale, politische und kulturelle Faktoren umfassender Prozess, von dem viele Facetten noch kaum erforscht sind. Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt 159