Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Ralf Roth: Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt

Ralf Roth erfordert hätte. Wohnraum blieb auch deshalb knapp und teuer, weil die Kapazitäten der vorhandenen Verkehrssysteme zur Erschließung großer Siedlungsflächen nicht ausreichten und auf Grund dessen die Bodenpreise am Stadtrand in die Höhe schossen und das Bauen verteuerten.211 Seit dem Ende der Sechzigerjahre beklagten Sozialreformer vermehrt die unwürdigen Wohn- und Lebensbedingungen in Berlin. In den Jahren nach der Reichsgründung und kurz vor dem Beginn der Gründerkrise spitzte sich die Diskussion in Berlin dramatisch zu. Das Wohnungselend lenkte Wasser auf den Mühlen der Sozialdemokratie, die sich mit wachsendem Erfolg dieses Themas annahm. Bürgerliche Wohnreformer und Philanthropen unterbreiteten daraufhin konkrete Vorschläge zur Behebung der Besorgnis erregenden Zustände. Das Magistratmitglied Hermann Schwabe, der sich als Mitglied der Direktion der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn nicht nur seit langem mit dem deutschen Eisenbahnbau beschäftigt, sondern sich auch ausführlich mit dem Londoner Eisenbahnsystem auseinander gesetzt hatte, beklagte schließlich die Fehlentwicklung der Großstadt und die desolaten Verkehrsverhältnisse. Die anhaltende Wohnungsnot und die große Zahl an überbelegten Wohnungen widersprächen den hygienische Anforderungen. Insbesondere führte das auf 67 000 angewachsene Heer der „Schlafleute“ zu „physischer Verderbnis“ und „moralischer Entartung“ der Arbeiterbevölkerung. Die hohen Mieten reduzierten die Einkommen und verursachten immer häufigere Umzüge. Für viele Menschen seien die Wohnungen nur noch „steinerne Zelte“. Schwabe befürchtete in der Konsequenz einen Anstieg des Klassenhasses und forderte aus Furcht vor den sozialen und politischen Folgen der ungebremsten Zuwanderung und der mangelhaften Versorgung der armen Schichten mit Wohnraum die Erschließung weiter Gebiete für den Wohnungsbau.* 21 211 Vgl. Bernhardt, Christoph: Bauplatz Groß-Berlin. Wohnungsmärkte, Terraingewerbe und Kommunalpolitik im Städtewachstum der Hochindustrialisierung (1871-1918). Berlin-New York 1998, S. 72 fl'. 21 Vgl. Schwabe, Hermann: Berliner Südwestbahn und Centralbahn, beleuchtet vom Standpunkt der Wohnungsfrage und der Industrie Gesellschaft. Berlin 1873, S. 3-6. Zu seiner Beschäftigung mit den englischen Eisenbahnen siehe Schwabe, Hermann: Über das englische Eisenbahnwesen. Reise- Studien. Wien 1877, S. 11-30. Zur Rolle der Sozialdemokratie vgl. Rad icke, Dieter: Planung und Grundeigentum, ln: Exerzierfeld der Moderne. Industriekultur in Berlin im 19. Jahrhundert, 2 Bde., hrsg. von Jochen Boberg u. a. München 1984, Bd. 1, S. 182-189, hier S. 184. Zum sozialen Hintergrund vgl. Rad icke, Dieter: Öffentlicher Nahverkehr und Stadterweiterung. Die Anlänge einer Entwicklung beobachtet am Beispiel von Berlin zwischen 1850 und 1875. In: Stadterweiterungen 1800-1875. Von den Anfängen des modernen Städtebaues in Deutschland, hrsg. von Gerhard Fehl und Juan Rodriguez-Lores. Hamburg 1983, S. 345-357; Die Berliner Stadtbahn. Linie - Bau - Betrieb. Von einem Techniker. Berlin 1883, S. 26. 144

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