Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Ralf Roth: Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt

Hinter dem raschen Anstieg der Bevölkerungszahlen verbargen sich zahlreiche soziale Probleme. Eines der größten war zu Beginn der Siebzigerjahre der dramatische Mangel an billigen Wohnungen und das sich ausbreitende Wohnungselend. „Im April 1872 mussten viele Familien im Arbeitshause Wohnung nehmen“, hielt das Statistische Jahrbuch der Stadt fest. Am 6. April hatten noch 233 Familien eine Wohnung finden können, und mindestens ebensoviele mussten sich mit einzelnen Stuben oder mit einem Antheil an einer solchen begnügen, so dass mindestens 500 kleine Wohnungen zu wenig vorhanden waren. [...] Andere kampirten in der Hasenheide, im Friedrichshain, im Thiergarten und ähnlichen Lokalitäten und mussten, sowie ihre Habseligkeiten, von der Witterung leiden. Zwei Jahre später war die Situation noch unverändert. Man machte sich mit allen möglichen improvisirten Surrogaten der Wohnung vertraut; man bat um Einrichtung von Schiffen während des Winters und um Ueberlassung von Eisenbahnwagen. Unter den Drehscheiben der Bahnhöfe waren regelmässige Schlafstellen eingerichtet.1* Die Zustände in den Berliner Obdachlosensiedlungen erregten großes Aufsehen. Dabei war schon einiges getan worden, um die größte Not der permanente Zuwanderung zu beseitigen. Vor allem wurde gebaut. Die Nachfrage nach billigen Wohnungen hatte der Bauindustrie einen lange anhaltenden Aufschwung beschert, und es war Berlin, wo sich im Zuge dieses Aufschwungs neue Formen des seriellen Bauens durchsetzten. Sie führte zu einer großflächigen Bebauung von neuen Stadtarealen mit fünf- und sechsgeschossigen Mietshäusern.* 19 Diese rückten bald ins Zentrum der Kritik von Sozialreformem, denn einerseits waren sie die Antwort auf die sich ausbreitenden provisorischen Notunterkünfte am Rande der Stadt, andererseits entwickelten sich hier neue extrem verdichtete städtische Lebensweisen. Obwohl in den zehn Jahren zwischen 1862 und 1872 fast 60 000 Wohnungen gebaut wurden, nahm die Wohndichte von 45 auf 64 Personen pro Grundstück zu. Das lag zum einen an den immer größeren Häusern und der immer dichteren Bebauung der Grundstücke, es lag jedoch ebenso an der Uberbelegung der kleinen Wohnungen. Vor allem konnte der Bau zusätzlicher Wohnungen nicht so schnell erfolgen wie es der permanente Zuwanderungsstrom Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt 1999, S. 104 tY., 377 u. 384; Hobrecht, James: Entwicklung der Verkehrsverhältnisse in Berlin. Berlin 1893, S. 26 ff. sowie Berlin und seine Eisenbahnen 1846-1896,2 Bde. Berlin 1896, Bd. 1, S. 236 f. u. 303-313. '* Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin für das Jahr 1872. Berlin 1873, S. 249 u. StatistischesJahrbuchderStadt Berlin fürdasJahr 1874 Berlin 1875, S. 231. 19 Vgl. Niethammer, Lutz -Brüggemeier, Franz: Wie wohnten die Arbeiter im Kaiserreich. In: Archiv für Sozialforschung 16 (1976), S. 61-134; Bodenschatz, Harald: Platz frei für das Neue Berlin! Geschichte der Stadtemeuerung in der „größten Mietskasemenstadt der Welt” seit 1871. Berlin o. J. 143

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