Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Ralf Roth: Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt
Ralf Roth Chancen an Attraktivität gewinnen, Menschen zum Zuzug bewegen und dadurch wachsen. Vor diesem Hintergrund war es nur konsequent, auch etwas zum bevorstehenden Strukturwandel der Stadt im Gefolge des neuen Eisenbahnzeitalters auszuführen. Es wurde der Bevölkerung in den Städten neben Glück, Reichtum und Prosperität auch eine erhebliche Ausdehnung ihrer Kommunen vorausgesagt, die wiederum eine nachhaltige Umformung der Stadtstruktur nach sich ziehen werde. Revolutionäre Triebkraft dieser Umgestaltung sei, nach Hansemann, der Immobilienmarkt, denn die wirksamste und stärkste Unterstützung für Gutsbesitzer und für Städtebewohner ist, wenn ihnen die wohlfeilsten Kommunikationsmittel verschafft werden. Dieß geschieht, wo Eisenbahnen nach meinen Grundsätzen angelegt werden. Der Werth der Güter, so wie in Städten der Häuser, wird dann bald so steigen.’ Von dem, was daraus wiederum für die zukünftige Entwicklung des städtischen Lebens folgte, zeichnete ein Teil der Denkschriften ein recht klares Bild. Einige prognostizierten die Bildung von Metropolen, während andere eindrucksvoll in großen Zügen bereits die Suburbanisierung antizipierten. Newhouse sah im Geiste schon Eisenbahnen, „die alle Städte an derselben von Mannheim bis Basel zu einer einzigen verbinden“ würden und nannte diesen bandförmigen Komplex eine „Handelsmetropole des Oberrheins“.* 4 „Längs den Eisenbahnzügen werden“, schrieben dieser Argumentation grundsätzlich folgend die Vertreter des Wiener Eisenbahnkomitees, wie die langen Arme von sich streckend, die Städte sich mit neuen Ansiedlungen umgeben, mit freundlichen niedlichen Wohngebäuden, jedes geeignet eine Familie in friedlicher Vereinzelung zu beherbergen, die sich in lachenden Reihen zu den beiden Seiten der Eisenbahnrichtungen hinziehen werden.5 Zusammen mit dem Ausblick auf „lachende Reihen“ von Häusern entstand allerdings die am Ende des 19. Jahrhunderts zu einer großen Bewegung ausufemde Stadtkritik, die gegen die Gefahren der „Centralisation“, dem „Alb der schwer auf dem Lande liegt“, kritische Einwände vorbrachte, noch bevor die große Verstädterungswelle mit allen ihren Folgeerscheinungen eingesetzt hatte.6 Das Wiener Eisenbahnkomitee ' Hanse mann, David: Die Eisenbahnen und deren Aktionäre in ihrem Verhältnis zum Staat. Leipzig- Halle 1837, S. 133. 4 Newhouse: Vorschlag zur Herstellung einer Eisenbahn, S. 125. Ähnlich sah dies Johannes Scharrer für die „vereinigten Städte Nürnberg und Fürth". Vgl. Scharrer, Johannes: Deutschlands erste Eisenbahn mit Dampfkraft oder Verhandlungen der Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft in Nürnberg. Von ihrer Entstehung bis zur Vollendung der Bahn. Nürnberg 1836, S. 8. 5 Gedanken über Eisenbahnen, deren Wesen und W i rk u n g ; dann Grundsätze bei Anlage und Benützung derselben. Ein Taschenbuch für gebildete Eisenbahn-Freunde. Wien 1843, S. 45. 6 E b e n d a , S. 35. 138