Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Ralf Roth: Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt

prophezeite „trotz Reichtum und wirtschaftlicher Kraft“ einen dramatischen Anstieg der „sozialen Lasten“. Deshalb werde „der Bürger des 19. und des 20. Jahrhunderts dieser selbst geschaffenen Macht [also der Großstadt, Anm. d. Vf.] feindlich entgegen treten“, und „die stolzen Werke so langer Jahre vernichten müssen!“, um gegen den „beengten Raum, gegen faule Dünste, fehlender Luft, Sonne und körperlicher Arbeit sowie gegen den sozialen Zerfall“ vorgehen zu können.7 Im gleichen Zuge, in dem in Eisenbahndenkschriften die Metropolenbildung antizipiert wurde, regten Vertreter von Eisenbahnkomitees eine Bewegung gegen den „Moloch“ Großstadt an. Auch diese Gegenbewegung kam nicht ohne Eisenbahnen aus, denn gegen eine übermäßige Zentralisierung half nur eine weiträumige Dezentralisierung und die war ohne eine Ausweitung der Verkehrssysteme nicht vorstellbar gewesen. Nicht wenige Eisenbahnvisionäre prognostizierten bereits in den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts, dass die Eisenbahnen es den Menschen ermöglichen würden, von den lauten und dicht besiedelten Stadtzentren in die gesunde Umgebung des Landes - mit frischer Luft, sauberem Wasser und einer geringeren sozialen Kontrolle durch die Nachbarschaft - zu entfliehen.8 Umgekehrt werden nur wenige Viertelstunden, ja Minuten, hinreichen, um auch den pünktlichen Geschäftsmann sicher und verläßlich, auf sogar bedeutende Entfernungen hin aus den freien Landumgebungen der Städte mitten in die innere Bewegung derselben zu versetzen.'7 * 11 Die Eisenbahnen mit ihren Netzen sollten also die Flucht aus der Stadt ermöglichen. „Bald, man kann es mit Zuversicht erwarten“, schrieb das Mannheimer Eisenbahnkomitee, „wird eine doppelte Reihe von Fläusem, Landgütern und Gärten, sich durch’s ganze Land hindurch“ ziehen."1 Eisenbahnen, meinten auch die Wiener, ermöglichten den Städtern das „Glück der zeitweiligen Rückkehr zur Natur“ und die „Freuden eines Landaufenthaltes“; dazu eine neue „Räumlichkeit“, „Reinlichkeit“, „Luft und Sonne“, „Körperbewegung“ und „Arbeit in Hof und Garten“.11 Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt 7 Ebenda, S. 37. 8 Zum Problem der freien Siedlung entlang der Eisenbahnlinien vgl. Hansemann: Die Eisenbahnen und deren Aktionäre, S. I32u. Newhouse: Vorschlag zur Herstellung einer Eisenbahn, S. 125 f. 9 Gedanken über Eisenbahnen, S. 44 f. 111 Newhouse: Vorschlag zur Herstellung einer Eisenbahn, S. 125. Mannheim hat später genau diesen Vorschlag aufgegriffen und durch den Ausbau von Regionalbahnen und Vorortstraßenbahnen einen Zuzug der ländlichen Dorfbevölkerung in die Stadt zu verhindern versucht „Die fuer die Grossindustrie nothwendige Arbeiterschaft“ sollte in ihren Dörfern bleiben und die „Segnungen des ländlichen Wohnens“ genießen. Schott, Dieter: Die Vernetzung der Stadt. Kommunale Energiepolitik, öffentlicher Nahverkehr und die „Produktion“ der modernen Stadt. Darmstadt- Mannheim-Mainz 1880-1918. Darmstadt 1999, S. 365 f. 11 Gedanken über E i s e n b a h n e n , S. 46. 139

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