Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Ralf Roth: Die Verkürzung von Raum und Zeit: Konsequenzen der Eisenbahn für die Wahrnehmung der Stadt

DIE VERKÜRZUNG VON RAUM UND ZEIT: KONSEQUENZEN DER EISENBAHN FÜR DIE WAHRNEHMUNG DER STADT Ralf Roth Die Hoffnungen am Beginn des Eisenbahnzeitalters Die Eisenbahn trat am Beginn des 19. Jahrhunderts als ein fundamental neues Verkehrsmittel in Erscheinung, das ein neues Geschwindigkeitsfenster öffnete. Mit ihm schrumpfte die mit allen Reisen und Transporten verknüpfte Zeitdimension und mit der Verkürzung der Zeiten rückten die Räume und geographischen Bezugskoordinaten enger zusammen.' Ober die Konsequenzen dieser neuen Raum-Zeit-Relationen für das Zusammenleben der Menschen in den Regionen und Stadträumen hatten sich bereits die Eisenbahnvisionäre am Anfang des Eisenbahnzeitalters Gedanken gemacht. Der Verfasser einer Denkschrift zum Bau einer Eisenbahn zwischen Basel und Mannheim, der englische Kommerzienrat Ludwig Newhouse, hat die Zeitverkürzung penibel vorgerechnet: So würden sich Marktfahrten von Mannheim nach Frankfurt, Basel oder Straßburg „ohne Erschütterung und in großen Mengen“ von 12 bis 15 Stunden auf 1,5 Stunden“ verringern.1 2 Gerade die Städte würden von diesen Zeitreduktionen durch die Eisenbahnen profitieren. Sie würden insgesamt durch den beschleunigten Austausch von Menschen und Gütern nicht nur besser mit Lebensmitteln, Rohstoffen und Handelsgütern versorgt werden, sondern mit den steigenden ökonomischen 1 Der Beitrag beruht auf Forschungen zu meinem Habilitationsprojekt „Die Herrschaft über Raum und Zeit. Der Einfluss der Eisenbahnen auf die deutsche Gesellschaft 1800 bis 1914”. Die Habilitationsschrift wurde im Mai 2003 als Manuskript abgeschlossen. 2 Für Gütertransporte betrage die Reduktion sogar von drei Wochen oder gar drei Monate je nach Saison - auf wenige Stunden. Newhouse, Ludwig: Vorschlag zur Herstellung einer Eisenbahn im Großherzogtum Baden von Mannheim bis Basel und an den Bodensee. Karlsruhe 1833, S. 9 u. 116. Zu Newhouse vgl. Hippel, Wolfgang von: Gut Ding will Weile haben. Die Eisenbahnpläne von Ludwig Newhouse und Friedrich List und die Reaktion von Regierung, Landtag und Öffentlichkeit. In: Eisenbahnfieber. Badens Aufbruch ins Eisenbahnzeitalter, hrsg. von Wolfgang von Hippel u. a. Mannheim 1990, S. 35-59. Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs/Sonderband 7 137

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