Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)

II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Wolfgang Kessler: Zwischenräume - Gedanken zu einer Malerei des rasenden Stillstands

Zwischenräume Gedanken zu einer Malerei des rasenden Stillstands Sicht auf die Bühne und damit auf das Spielgeschehen möglich ist, dafür aber ab und zu etwas von dem sichtbar wird, was dem Publikum verborgen bleiben soll: Der Apparat hinter den Kulissen, das Erzeugen der Illusion, das Räderwerk und die schnöde Mechanik jenseits der Kunst. Wenn ich mit dem Zug unterwegs bin, schaue ich dann besonders genau hin, wenn keiner hinschaut, mich interessieren die Bereiche zwischen Abfahrt und Ankunft, die gerade in Deutschland oft so unspektakulär sind, dass der Blick der Reisenden - wenn er denn überhaupt nach draußen gerichtet und nicht im Bann eines Bildschirms oder Handydisplays gefangen ist - wie in Trance in eine unbestimmte Feme schweift. Ich lasse den gesamten bildnerischen Überbau beiseite, jene Postkarten- und Kalendermotive, aus denen jedes Land eine bunte und für alle Welt einprägsame Fassade errichten möchte, meist hochaufragende Gotik oder prächtiges Barock, gerne auch Fachwerkgemütlichkeit und das immer wieder strapazierte Brandenburger Tor. Dazwischen aber zeigt sich das eigentliche Gesicht eines Landes und einer Gesellschaft, hier finde ich die Situationen, die ich zuerst mit meiner Kamera sammle und dann in einem allmählichen Verdichtungsprozess in Malerei umsetze, die Anonymität und die Maßlosigkeit, die ich den Formgesetzen meines bildnerischen Denkens unterwerfen kann, die Erbärmlichkeit der Zweckarchitekturen, die ich in die sinnliche Qualität einer ganz traditionellen Maltechnik transformiere (Sie merken, mir gefällt es, mit Gegensätzen zu spielen, meine Bilder auch aus dem Gegensatz zwischen dem Was und dem Wie heraus aufzubauen). Wollte man das durchfahrene Land mit einem Haus vergleichen, so betrete ich es gleichsam durch die Hintertür, wobei ich mich dann mehr für das verborgene Gerümpel im Keller interessiere als für die hübsche Wohnzimmergamitur. Vom Zug aus sehe ich das alles: die wuchernden Gewerbegebiete, die kistenartigen Lager- und Produktionshallen, jene Randzonen, die die Grenzen von Stadt und Landschaft auflösen und in ihrem normierten Erscheinungsbild so austauschbar sind, dass ich bei der Auswertung meines Fotomaterials oft selber nicht mehr weiß, wo genau ich ein bestimmtes Motiv aufgenommen habe. Aber Vorsicht: Was ich dem Betrachter in einer vermeintlich naturalistischen Manier anbiete, versteckt hinter der sorgfältigen Malerei das Konstrukt, das vom Speziellen zum Allgemeinen will und Gesehenes so weit reduziert, dass es stellvertretend für eine Vielzahl ähnlicher Situationen steht. Darüber hinaus passiert aber auf meinen Bildern mit den dargestellten Dingen etwas ganz Entscheidendes: Sie scheinen sich in einer prägnanten malerischen 109

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