Günter Dinhobl (Hrsg.): Sonderband 7. Eisenbahn/Kultur – Railway/Culture (2004)
II. Die Wahrnehmungen von Raum / The perceptions of space - Wolfgang Kessler: Zwischenräume - Gedanken zu einer Malerei des rasenden Stillstands
Wolfgang Kessler Querbewegung aufzulösen, sie fransen aus, werden instabil. Präzise Begrenzungen gibt es nur noch in der Horizontalen, ansonsten sind die Farben weich ineinander geschoben und bilden so eine gleichmäßige, quasi emulsionsartige Schicht. Obwohl jedes Bild die Kausalität der Wirklichkeit aufhebt, nimmt der Verstand die Täuschung bereitwillig hin und assoziiert mit dieser Art der Darstellung Bewegung und Geschwindigkeit. Dabei male ich nun gerade die Erscheinungsformen, die das optische System der Kamera auf den Film überträgt - das menschliche Auge versucht ja selbst bei hohem Tempo zu fokussieren -, um einen Zustand zu verdeutlichen, der in meinen Augen das charakteristische Merkmal unserer Epoche ist. Ich spreche von der rasenden Bewegung, vom permanenten Unterwegssein, der lustvoll empfundenen, aber auch selbstquälerisch ausgehaltenen Beschleunigung, für die ein Hochgeschwindigkeitszug als sichtbarer Ausdruck gelten kann, die aber - und darauf kommt es mir an - das komplette Denk- und Wertsystem unserer so genannten Informationsgesellschaft durchdringt und formt. Raum ist da nur noch ein lästiges Hindernis, dem wir inzwischen sogar seine Maßeinheiten stehlen, indem wir ihn in Auto-, Zug- oder Flugstunden messen, den wir durch Autobahnen und ICE-Trassen komprimieren oder durch elektronische Bild- und Datenübermittlung gleich ganz auflösen. Immer ist alles überall, je schneller, desto besser, in unserem Olymp herrschen jetzt nur noch Merkur und Vulkan, der Kommunikator und der Ingenieur, und ihre irdischen Stellvertreter preisen gebetsmühlenartig die liturgischen Zauberformeln Mobilität und Flexibilität. Geld spielt dabei keine Rolle, denn für den Bau immer neuer Verkehrsadern - man beachte die biologistische Analogie -, die uns vor dem selbst erzeugten Infarkt retten sollen, sind wir immer noch bereit, Unsummen auszugeben: Stillstand ist Rückschritt! Ich versuche zu beschreiben, wie sich die Welt mir auf dieser rasenden Fahrt zeigt, und kläre dabei gleichzeitig meine eigene Position darin. Der Hochgeschwindigkeitszug kapselt mich ein wie der Druckkörper eines Flugzeugs (aber auch ein modernes Auto panzert ja mittlerweile seine Insassen fast perfekt in einer geräuschisolierten, klimageregelten Fahrgastzelle), das Außen vermittelt sich nur noch über das Sehen, dem distanziertesten aller Sinne. Das technische System duldet offenbar keine Diffusion mehr, kein Eindringen von Geräuschen oder Gerüchen, von Wind und Wetter ganz zu schweigen. So muss auch auf meinen Bildern der Betrachter erst über eine weiße Barriere hinweg ins Bild eintauchen, über eine Zone, die sich scheinräumlich zwischen seinen Standpunkt und das Motiv schiebt. Ab und zu legen sich kleine Reflexe über das Gesehene, subtile Hinweise auf die Glasschicht zwischen dem Drinnen und dem Draußen, lichtdurchlässig, aber nahezu undurchdringlich selbst für einen Hammer. 110